Eine Kreuzfahrt auf der MS Germany

„Wir sitzen alle in einem Boot“, heißt es immer so schön, zumindest dann, wenn etwas schief läuft. Wenn alles läuft wie geschmiert, dann sitzen wir natürlich sofort wieder in verschiedenen Booten. Aber im Moment läuft es schlecht, denn die MS Germany ist auf ihrer Aufschwungsfahrt mit einer handfesten Wirtschaftskrise kollidiert und droht nun zu sinken…


… behaupten zumindest diejenigen, die im Ausguck sitzen (auch Experten genannt). Die werden zwar die Letzten sein, die nasse Füße bekommen, aber dafür schreien sie (wie immer) am lautesten; was vermutlich daran liegt, dass sie sonst nichts können - außer eben großes Geschrei machen. Den Überblick haben sie nämlich schon lange verloren und selbst kurz vor der Kollision haben sie der Kapitänin noch zugerufen:

Wetter spitze, Meer ruhig, keine Hindernisse in Sicht – volle Kraft voraus!

Und dann hat’s gerummst – und zwar gewaltig. Aber das hat selbstredend niemand vorhersehen können, dass da urplötzlich so ein kilometerhoher Eisberg vor dem Schiff auftaucht - vor allem dann nicht, wenn man gar nicht zum Schauen kommt, vor lauter Geld zählen. Aber jetzt sind natürlich alle ganz furchtbar aufgeregt, das Schiff hat Schlagseite und die Kapitänin hat eine sofortige Bestandsaufnahme angeordnet – wie es denn so um den Zustand des Schiffs bestellt ist.

Am Oberdeck

Schauen wir uns also mal etwas um, auf dem Boot, in dem wir alle sitzen: Wobei das eigentlich schon nicht ganz stimmt – das mit dem sitzen, denn es sitzen gar nicht alle. Die auf dem Oberdeck zum Beispiel nicht, was nicht nur daran liegt, dass sie noch nie gestanden haben, sondern auch daran, dass es dort so super Liegestühle gibt. Logisch, ist ja auch das Sonnendeck ganz in der Nähe der Kapitänskajüte und es gibt jede Menge Platz. Klar, Oberklasse können sich auch nur die Wenigsten leisten.

Nun, auch das Oberdeck hat die Kollision nicht ganz unbeschadet überstanden; die Reling hat sich etwas verbogen, die Bordwand hat ein paar Schrammen davon getragen und einigen ist sogar vor Schreck das Sektglas aus der Hand und über Bord gefallen. Aber, keine Sorge, die Kapitänin hat sofort reagiert, neue Sektgläser aus Bootsmitteln bereit gestellt und ein großes Sicherheitsnetz aufspannen lassen, damit uns auch keiner verloren geht, und verteilt kostenlose Rettungsschirme.

Gut, bei einem hat nicht mal das gereicht, der war offenbar sogar für dieses Netz zu schwer, und der ist dann irgendwie unter die Räder gekommen. Aber ansonsten sind auf diesem Deck keine größeren Verluste zu beklagen und die Party kann weiter gehen - während wir uns ein Stockwerk tiefer begeben.

In der Mittelklasse

In der Mittelklasse: Da ist es schon etwas voller, der Platz dementsprechend enger und auch die Sonne erreicht dieses Deck schon nicht mehr ganz so strahlend, sondern nur noch durch die Bullaugen. Vom Oberdeck ist dieser Bereich durch einen starken Sperrzaun getrennt, damit sich nicht aus Versehen jemand auf das falsche Deck verirrt und nicht mehr zurück findet. Dafür gibt’s einige Balkons, auf die jeder ein paar Mal im Jahr darf, und von wo aus man (gute Sichtverhältnisse vorausgesetzt) bis zum Oberdeck sehen kann.

Die durch die Kollision entstandenen Schäden treten hier schon deutlicher zu Tage. In den Wänden zeigen sich Risse, der Boden ist an manchen Stellen brüchig geworden und in eingen Kajüten steht sogar schon das Wasser. Aber auch hier hat die Kapitänin bereits erste Gegenmaßnahmen ergriffen: wer freiwillig seinen Ballast abwirft, der bekommt einen Bonus, wenn er sich neuen anschafft, und wer sich die halb unter Wasser stehenden Kajüte neu tapezieren lässt muss nur noch halb so viel für die Überfahrt zahlen.

Ansonsten sind auch hier die Schäden noch zu verkraften – über Bord gegangen sind nur wenige – allerdings sind einige im morschen Boden eingebrochen und eine Ebene tiefer gefallen…

Die unbekannte Ebene

Diese Ebene war bis vor kurzem den Experten vom Oberdeck (und insbesondere auch der Kapitänin) noch gänzlich unbekannt, was insofern etwas überraschend ist, als dorthin eigentlich eine große, kaum zu übersehende Tür führt, die (natürlich nur von der Seite des Mitteldecks) auch immer offen ist. Und auf dieser Tür prangt ein großes, rotes Warnschild mit der Aufschrift:

Achtung, abgehängtes Präkariat!
Vorsicht – hungrig!

Dort unten sieht es auch etwas anders aus als auf den oberen Decks. Es ist dunkler, denn es dringt kein Sonnenlicht mehr in diese tiefen Ebenen, es ist eng und voll, sehr voll - und wird immer noch voller, denn immer wieder fallen neue Passagiere durch die Decke aus dem Mitteldeck herunter.
Auch gibt es hier keine Fangnetze und keinen Rettungsschirm, dafür aber eine hübsche Klappe am Ende des Schiffs, wo „Privatinsolvenz“ drauf steht und die immer für alle geöffnet ist. Das ist ganz praktisch, denn da kann man einfach rein springen und muss nicht lange leiden – direkt darunter ist nämlich die Schiffsschraube.

Die Folgen der Kollision merkt man hier erstaunlicherweise kaum – was vermutlich daran liegt, dass ein Wassereinbruch nicht sonderlich schlimm ist, wenn einem das Wasser sowieso schon immer bis zum Hals stand. Auch die Risse in den Wänden stören hier niemanden, ja, manch einer macht sogar noch zusätzliche in die Wand, da er sich sagt: Wenn wir schon sinken, dann soll doch das ganze Schiff mit sinken.

Verbrennt alles, was wir nicht haben!

Ja, so geht’s zu auf der MS Germany. Wobei, Motorsschiff stimmt eigentlich nicht mehr so ganz – schließlich hat der Motor grade einen Totalschaden. Daher gümbelt dümpelt das Schiff derzeit völlig ziellos auf dem Mehr herum.

„Macht nichts“, sagt unsere Kapitänin, „dann feuern wir den Motor ab sofort eben an, indem wir unser Hab und Gut – oder besser noch das der Passagiere - verbrennen!“
„Halt!“, meint da der Schatzmeister, „das geht nicht, weil wir haben gar nichts mehr.“
„Egal“, antwortet die Kapitänin, „das hatten wir bislang auch schon nicht – und das Schiff ist trotzdem gefahren, also: verbrennt alles, was wir nicht haben!“

Und tatsächlich, das Schiff fährt wieder Volldampf – weiß zwar keiner wohin, aber wir werden mit Sicherheit als Erste da sein.

Nur, wenn dann irgendwann mal wir Jungen das Steuer übernehmen wollen, dann ist der Dampfer vermutlich abgefahren. Da wird uns dann das Wasser bis zum Hals stehen (und das nicht nur wegen dem Klimawandel) und vielleicht wird ganz weit weg in der Ferne am Horizont ein Schiff vorbeifahren, und auf der Rehling wird einer stehen und uns zu rufen: „Tut mir leid, das Boot ist voll – aber lernt doch einfach schwimmen…“

Veröffentlicht am 06.02.2009 von Rumo.

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Kommentare

Anja schrieb am 21.07.2009, 14:26 ( #1 )
Super Artikel. Auf diese Assoziation muss man ersteinmal kommen! Klasse Vergleich und prima geschrieben!

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