Grenzenloser Kapitalismus ist die Weltordnung unserer Träume, Profitmaximierung unsere oberste Maxime. Über Kollateralschäden sehen wir als tolerante Menschen gerne hinweg. Lernen auch Sie, wie Ihre Firma eine Paradeunternehmen wird. Anhand eines Fallbeispiels, welches von einem erfolgreichem Konzern mit Niederlassung in meiner unmittelbaren Nähe inspiriert wurde.
Angenommen wir sind Unternehmer. Als sogenanntes wirtschaftendes Subjekt ist unser oberstes Interesse die Gewinnmaximierung — das heißt, Produktivität steigern, Cashflow optimieren, Gewinnmarge erhöhen und letztlich Shareholder Value steigern. Doch wie funktioniert das in Deutschland, wo es lästige Auflagen bezüglich der Umwelt, Gesundheit, Arbeitsbedingungen und Löhne gibt?
Dazu müssen wir die Globalisierung möglichst positiv betrachten. Zuerst verlagern wir unseren Standort in einen Staat, in dem uns keine Umweltauflagen und Gesundheitsbestimmungen (und erst recht nicht angemessene Löhne!) die Laune vermiesen können — wir gehen nach Taiwan, China (oder wenn uns beliebt auch nach Mexiko, Ecuador oder Südafrika).
Hier wohnen die Angestellten direkt auf dem Betriebsgelände, die Miete ist somit schon Teil der Entlohnung. Bis zu 10 Arbeiter teilen sich ein Zimmer mit Hochbetten, aber ohne Tisch, Stühle oder Waschbecken. Der Geruch nach Schweiß ist zwar beißend und die Hitze im kärglich belüfteten Raum unerträglich — aber besser als gar kein Einkommen und auf der Straße hungern, oder? Das gesamte Arbeiterwohnheim verfügt unter günstigsten Bedingungen vielleicht über eine Gemeinschaftstoilette und einige Duschen für alle Bewohner – auf dem Flur.
In der Produktion wird ohne Atemschutz ein bestimmtes Gut G
erzeugt, mit in Deutschland verbotenen und hoch krebserregenden Bleichmitteln, Kunststoffen und mit minderwertigsten Rohstoffen — welche wiederum aus Dritte-Welt-Ländern über den Seeweg importiert werden. Die Arbeitszeit liegt jenseits der 12 Stunden, die Entlohnung pro Stunde lässt sich gerade aber noch in Cent ausdrücken. Am Fließband überwacht ein Aufpasser die Arbeiter und sorgt stets für hohes Arbeitstempo — mit deutlichen Worten und schlagkräftigen Argumenten sorgt er für hohen Güteroutput pro Zeiteinheit.
Das Gut wird nun auf Containerriesen verladen und unter exobitantem Dieselverbrauch am Hamburger Hafen entladen. Hier beginnt für uns als Unternehmer der kostenintensive Teil — was wir bisher für das Gut bezahlt haben, ist ein verschwindend geringer Betrag. Wir zahlen nämlich aufgrund der riesigen Bestellmengen einen sehr geringen Einzelstückpreis an die (rechtlich gesehen unabhängigen) Produzenten.
In Deutschland muss natürlich der Vertrieb organisiert werden. Dazu gründen wir mithilfe kommunaler Förderungen und Länderzuschüsse unsere Firmenzentrale – auf ehemals fruchtbarem Lössboden mit artenreicher Vegetation und vielfältiger Tierwelt, den wir unter geringpreisiger Ablöse von ein paar Bauern und Waldbesitzern erworben haben. Die Angestellten der Firmenzentrale erhalten zuerst Auskunftsverbot bei Interviewanfragen der Pressevertreter und beziehen anschließend ihre Büros im Gebäude. Ihre Entlohnung beträgt pro Stunde um die 5 Euro. Hier wird das noch immer luftdicht in Folie verschweißte Gut zu Hunderttausend Stück mit Speditionen in alle Teile Deutschlands transportiert – alles per LKW.
Schön und gut, wir haben mit dem mickrigen Lohn von um die 5 Euro zwar gespart, aber dennoch hat und die Logistik bis jetzt schon ein Vielfaches der reinen Erzeugungskosten gekostet. Nun muss dieses tolle Produkte noch an den Kunden.
Problem ist, dass in Deutschland mancherorts noch Bewusstsein für Qualität herrscht. Wir gründen unsere Filialen deshalb in Migrantenvierteln und Plattenbausiedlungen. Die Bewohner haben gar keine Wahl, sie müssen wegen ihres Verdienstes oder wegen Hartz-IV dort einkaufen gehen.
Die Mitarbeiter in den Filialen arbeiten meist allein oder zu Zweit auf mehr als 80 Quadratmeter mit minimalistischen Regalen und muffigem Teppichboden. Die Mitarbeiter aller Filialen dürfen keinen Betriebsrat gründen und erhalten ebenfalls um die 5 Euro pro Stunde. Wer versucht einen Betriebsrat zu gründen wird ohne Grund entlassen, Direktionsverwalter überwachen die Filialen stichprobenartig.
Zum Öffnen der Güterumverpackung (Folien) müssen unsere Mitarbeiter Atemmasken und Handschuhe tragen, weil die intensiven Ausdünstungen nach Kunststoffen, Lacken und dem verwendeten Material in den ersten Minuten an frischer Luft zu gesundheitsschädlich werden. Dieser Geruch erwartet den Kunden (zum Glück in stark abgeschwächter Form, wir wollen niemanden verscheuchen) beim Betreten des Ladens. Zu guter Letzt wird der Kunde in den nächsten Tagen auf unerklärliche Weise Ausschläge bekommen, weil sich durch Hautkontakt im feuchten Milieu ein paar harmlose Säuren freigesetzt haben.
Alles verinnerlicht? Dann können wir nur noch sagen: Herzlichen Glückwunsch!, Sie haben nun die Ausbildung zum Global Player
abgeschlossen und haben es verstanden, Umwelt und Menschen gleichermaßen in Erzeuger- und Abnehmerlander auszubeuten. Viel Spaß bei der Profitmaximierung und dem weiteren Ausbau Ihres Unternehmens!