In Zeiten der Wirtschaftskrise, wo Banken enteignet werden sollen, kommen CDU/ CSU Politiker um die Ecke und zaubern Ludwig Erhard aus dem Hut. Jede Lösung ist besser als eine sofortige Enteignung. Ludwig Erhard würde sich sonst im Grabe umdrehen.
sagte Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) unlängst zur Enteignung von Banken. Ja, das würde er bestimmt - aber aus anderen Grunden.

Tja. Erhard (Mitbegründer der sozialen Marktwirtschaft und Autor von Wohlstand für alle
, Bundeskanzler 1963-1966) würde sich tatsächlich im Grabe umdrehen. Darüber, wie versucht wird, möglichst wenig Initiative - möglichst wenig revolutionäres zu versuchen. Als Wohlstand für alle
1957 erschien, waren die Ideen revolutionär. Das Ausbleiben von Innovationsproblemen etc., aber soziale Sicherung wie im Kommunismus - nur eben ohne Honecker - Rentenkassen, Krankenversicherung, Arbeitslosengeld.
Die von ihm, aber auch Alfred-Müller-Armack eingeleiteten Reformen führten mitunter zum Wirtschaftswunder. Doch sich jetzt auf Ideen der 50er Jahre zu berufen ist fatal. Erhard war revolutionär, zu Guttenberg lebt in der Vergangenheit. Ich glaube es ist nicht Erhards Intention gewesen, mit alten Systeme die Probleme der zukunft zu lösen - oder nutzte er etwa die Wirtschaftsausrichtung der Weimarer Republik?
Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch. Ludwig Erhard (*04.02.1897-†05.05.1977), ehem. Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland
Bisher hat die durch die Finanzkrise (Subprime-Krise, Pleite von Lehman-Brothers, Automobilabsatzkrise, Rezession 2009) stark geschädigte Hypo Real Estate Holding 102 Milliarden Euro bezogen
. Allein dies ist eh schon ein Eingriff in die Marktwirtschaft - weshalb die Behautung, die Enteignung der HRE wäre der erste Schritt in Richtung Manipulation der Marktwirtschaft, längst hinfällig ist. Die Frage ist eigentlich nur, was schlauer ist. Für Dividenden der Aktionäre (warum auch immer ein Finanzinstitut selbst durch Finanzinstitute an den Märkten gehandelt werden muss?) und unter Führung eines eh gescheiterten Managements (das die Krise nie hätte kommen sehen können) Geld systematisch zu verbrennen und nachzuheizen (ursprünglich hatte die HRE 50 Milliarden Euro im November 2008 erhalten, nun sind es nach weiterer Aufstockung diesen Monat 102 Milliarden) - oder aber zu versuchen, die Profitscheffelei durch Aktionäre zu beenden und eine vernünftige Stabilisierung nach Enteignung zu versuchen.
Spekulieren ist kein Spiel, es ist eine Maßnahme zum Schutz des Vermögens. André Kostolany, (*1906-†1999), Börsenguru
Überhaupt ist die soziale Marktwirtschaft in dieser Form nicht mehr aktuell. Die soziale Komponente wird immer aktuell sein - nämlich dass in Not geratene gestützt werden, dass die Gemeinschaft Sozialleistungen finanziert und so eine gewisse soziale Gerechtigkeit entsteht. Die marktwirtschaftliche Komponente; dass dem wirtschaftenden Subjekt größtmögliche Freiheit gelassen wird, damit dieser im Eigeninteresse das Gemeinwohl durch Investitionen in heimische Standorte erhöht ist nicht mehr aktuell. Die Rechnung klingt einfach: Investition durch unternehmerische Freiheit = Arbeitsplätze = höhere Sozialleistungen = höhere Kaufkraft = höhere Nachfrage = mehr absatz = mehr Gewinn = mehr Investitionen.
Eine Wirtschaft, die als rücksichtslos wahrgenommen wird, hat eine kriminogene Wirkung. Kai Bussmann, Universität Halle. Bussmann in einem Artikel auf »SPIEGEL ONLINE«, 06.11.2006
Das Problem ist, dass die Globalisierung dem wirtschaftenden Subjekt so viel Freiheit gab, dass die Standorttheorie Alfred Webers (Über den Standort der Industrie, 1909) außer Kraft gesetzt ist. Diese besagt, dass Arbeitskosten eine untergeordnete Rolle spielen - stattdessen Nähe zu Rohstoffen und Vetriebsmärkten wichtiger sind. Günstige Massentransporte über den See- und Luftweg ermöglichten es aber, Standorte zu verlagern - nach China, Taiwan, Mexiko, Polen - der Produktionsfaktor Arbeit ist wesentlich entscheidender, da er heute einer der größten Determinanten in der Preisbildung eines Gutes ist. Gründe sind billige Energie, billige Transporte,etc.
Gleichzeitig sind die Rahmenbedingungen in den dritte-Welt Staaten wesentlich besser als in Deutschland. Das ist eine zentrale These der Marktwirtschaft im Sinne von 1950-1970. Immer hieß es der Staat muss nur Rahmenbedingungen schaffen.
Das muss er, aber auf die wenigen positiven Rahmenbedingungen die Deutschland noch bereitstellt (qualifizierte Arbeit, gute Infrastruktur und stabiles politisches System) können Unternehmen verzichten, wenn sie woanders billige Arbeit, wenige Umweltauflagen, hohe Subventionen und weniger sonstige Bürokratie vorfinden?
Die Börse schwankt zwischen Gier und Angst. Angst, alles zu verlieren, und der Gier, noch mehr Geld zu machen. Unbekannt
Der Punkt dabei sind die Kosten. Wir sind zu teuer. Nicht zur Wirtschaftswunderzeit, wo es gar nicht möglich war, kostengünstig aus fremden Kontinenten zu liefern oder schnell miteinander Datenmengen auszutauschen. Aber selbst verbliebene Triebkräfte der deutschen Wirtschaft können Manpower outsourcen
. Durch Glasfasernetze ist es seit dem 21. Jahrhundert möglich, dass inzwischen hoch gebildete Inderinnen- und Inder deutschen IT-Kräften den Rang ablaufen. Dienstleistungen werden virtuell ausgeführt. Ansagen am Franktfurter Flughaufen kann man outsourcen. Systempflege für PCs kann man outsourcen. Architekturaufträge. Sogar Müsli kann man jetzt online bestellen - gut, das hat mit Outsourcing nichts zu tun - aber zeigt die Dimensionen.
Der einzige Weg, um das Verhalten der Politiker zu ändern, ist, ihnen das Geld wegzunehmen. Milton Friedman (*31.07.1912-†16.11.2006), amerik. Ökonom, Nobelpreisträger
Wir haben einfach völlig andere Bedingungen als zur Zeit Erhards. Und ausgerechnet diese Ideen, alte Ideen (erfolgreich aber nicht mehr passend) sollen nun eine Wirtschaftskrise aus der Gegenwart lösen? Es wird nicht funktionieren. Gebraucht werden neue Ideen, neue Definitionen. Als erstes müssen wir unser Wirtschaftssystem neu begreifen. Ich würde es (bestimmt gibt es den Begriff irgendwo schon, aber ich behaupte mal ich nenne ihn trotzdem als einer der Ersten) als Systemintegrative Globale Wirtschaft
bezeichnen. Systemintegrativ, weil es keine Rolle mehr spielt, welches System herrscht. Das kommunistische China produziert für das urkapitalistische Amerika, das sozialwirtschaftliche Deutschland liefert über Handelsbeziehungen know-how in diktatorische Staaten und die Schweiz als unabhängiger Staat bestätigte unlängst die neuen Schengen-Staaten und öffnete sich damit weiter. Global deshalb, weil die Verstrickungen nicht mehr regional (wie 1800), auch nicht national (etwa 1900-Gründung der EU), noch kontinental (wie zur Gründung der EU) sondern global sind. Deutsche Unternehmen produzieren Weltweit. Diese Standorte des deutschen Unternehmens wiederum werden via Outsourcing von tausenden Kilometern entfernten Dienstleistern unterstützt, während der Vertrieb in die ganze Welt abläuft. Kooperiert wird dort wieder mit lokalen Unternehmen, aber auch anderen global playern.
Die Wirtschaft hat nicht die Aufgabe, Arbeitsplätze zu schaffen. Im Gegenteil. Die Aufgabe der Wirtschaft ist es, die Menschen von der Arbeit zu befreien. Götz W. Werner (*05.02.1944), Gründer von »dm-drogerie markt«, Unternehmer
Die Wirtschaftskrise ist größtenteils bedingt durch Fehlspekulationen, faule Kredite. Aber sie wirkt sich auf die Realwirtschaft aus. Verstärkend ist aber das Problem, dass der Standard in Deutschland gehalten werden soll, die Profite der Unternehmen immer steigen sollen - aber das unter Standortverlagerungen etc. Wir werden uns entscheiden müssen. Entweder senken wir unseren Standard bezüglich Löhnen, Umweltauflagen, technologischer Entwicklung und Ansprüchen auf ein Niveau, dass den Rahmenbedingungen entspricht, die die aktuellen Boom-Countries offerieren, oder aber wir versuchen unsere Stärken als Skillset
zusammenfassen.
Es geht darum, dass wir in unserer sozialen Marktwirtschaft wieder stärker die Marktkräfte betonen. Josef Ackermann (*07.02.1948), Bankier, Vorstandsvorsitzender Deutsche Bank. Ackermann im Interview mit der Zeitung »Die Welt« am 15.10.2005
Das bedeutet, dass wir auf voll und ganz nur in Deutschland produktive Zweige umzusteigen. Absoluter High-Tech, absolute Präzisionsarbeiten, absolute Qualität. Dazu wäre ein überlegenens (ich meine kein gutes, sondern ein allen Staaten überlegenes) Bildungssystem notwendig. Im Moment sieht es so aus: Die Bundesregierung gibt bestimmte Vorgaben. Bildungs ist aber vor allem Ländersache. Jedes Bundesland ist eigeteilt in auch für Bildung zuständige Regierungsbezirke. Jeder Regierungsbezirk macht nochmal eigene Musik bezüglich der Schulbücher usw. - und jede Schule im Regierungsbezirk kann nochmal selbst etwas entscheiden. Und jeder Lehrer führt dann das ihm übergebene Curriculum nochmal zeitlich anders durch, schreibt andere Klausuren, nutzt andere Quellen. Dann muss Informationstechnik gefördert werden. Schüler der Klasse 11, die mir sagen, sie hätten nie an PowerPoint gearbeitet, wären in dieser spezialisierten Wirtschaft verloren. Aber im Moment entdeckt man in Deutschland gerne das Konservative wieder. Da wird dann eine Menge Geld in Musikförderklassen gesteckt - dafür vergammeln die Computerräume mit Windows 2000 und 128 MB Ram, am Computer gearbeitet wird wegen dem schlechten Zustand der Räume und dem Unvermögen vieler Lehrer gerade mal jeden Monat. In der spezialisierten High-Tech, High-Skill Wirtschaft wäre auch Infrastruktur wichtiger denn je. Hochgeschwindigkeits-Zugverkehr. VDSL. DSL-Anbindung selbst von Dörfern. Gute, breite Straßen und Autobahnen. Stauvorwarnsysteme. Branchen dieser so speziellen Wirtschaft sind Green-Tech (erneuerbare Energieträger in Herstellung und Nutzung), Informationstechnik, Logistik, Management, Bildung, Systemintegration und Prozessoptimierung.
Alles in allem nützt uns also Sozialträumerei nichts. Unseren Standard halten wir bei anhaltenden Standortverlagerungen und dem rasanten Aufholen bezüglich des Know-Hows durch Staaten wie Indien nicht - also weniger Sozialleistungen etc. Aber konservatives Geschwätz und das Anwenden von Konzepten von gestern helfen noch weniger. Wir müssen uns gänzlich neu positionieren, reformieren. So wenig wie jetzt getan wird hilft nicht. Die Politik erkennt die Tragweiten nicht, investiert nicht in die wirklich hohen Güter wie Bildung. Und nebenbei zur Verstaatlichung: Zu Erhards Zeiten gab es ja gar keine Staatsunternehmen, außer: Deutsche Bundespost, Deutsche Telekom, Deutsche Bahn,...

Ludwig Erhard
Produktbeschreibung von Amazon: Der Meister der Wirtschaftspolitik Ludwig Erhard, der "Dicke mit der Zigarre", wurde zum Markenzeichen für das deutsche Wirtschaftswunder in den fünfziger Jahren. Seine Thesen schufen die Basis für den Aufschwung und erreichten zugleich den Status fundamentaler Prinzipien, die gerade heute wieder verblüffende Aktualität aufweisen. Mit Mut und Entschlossenheit setzte er das Experiment soziale Marktwirtschaft in Gang, das eine bis heute beispiellose Dynamik entfaltete.

Alfred C. Mierzejewski
Ludwig Erhard:
Der Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft. Biografie
Produktbeschreibung von Amazon: Die außergewöhnliche Lebensgeschichte des Ludwig Erhard (1897-1977) in einer fesselnden neuen Darstellung. Als »Vater des deutschen Wirtschaftswunders« gefeiert, ist er doch ein großer Unbekannter geblieben. Ludwig Erhard war stets ein unabhängiger Geist, der sich von niemandem vereinnahmen ließ. Auch als Politiker blieb er unbequem. Gerade heute ist von dem Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft viel zu lernen.
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