Noch zweimal schlafen, dann ist es auch bei uns soweit – Europawahl!
Die Begeisterung hält sich in Grenzen, in den Medien ist die Wahl nur ein Randthema und die Wahlbeteilung verspricht (mal wieder) niedrig zu werden.
Umso wichtiger ist es – möchte man zumindest meinen -, dass die Parteien auf sich und die Wahl aufmerksam machen; zum Beispiel mit unterhaltsamen und kreativen, vor allem aber auch informativen Wahlkampfspots...
... schließlich genügt es nicht, zu wissen, dass es eine bestimmte Partei gibt, man muss auch überzeugt werden, warum man gerade diese wählen soll. Zum Lesen ganzer Wahlprogramme wird jedoch kaum jemand Zeit haben und so böten die etwa 1:30 langen Werbespots, die jeder Partei im öffentlich rechtlichen Fernsehen zustehen, doch eigentlich die ideale Plattform dem Wähler das eigene Programm zumindest in groben Zügen näher zu bringen,
eigentlich ...
Fangen wir an mit der Partei, die sich – den Umfragen zur Folge – die größten Chancen ausrechnen darf: Der CDU. Inhalte braucht es dazu offenbar nicht - zumindest sind diese im TV-Spot der Union rar gesät.
Aber warum sollte man auch etwas verändern, wenn doch eh schon alles bestens ist? Und wenn wir auch diesmal unser Kreuz brav an der rechten Stelle machen, dann wird das auch für immer so bleiben. Dies zumindest scheint der Spot vermitteln zu wollen. Zu sehen gibt es hier vor allem viele lachende Gesichter, die frohen Mutes ihrer Beschäftigung nachgehen, dazu eine Stimme aus dem Off, die uns sagt wie schön doch alles sei und ... zum Schluss darf noch Angela Merkel eine Botschaft an ihr Volk richten. Warum weiß ich auch nicht - schließlich tritt sie am Sonntag ja gar nicht an, aber wahrscheinlich hat sie sich einfach aufgedrängt - denn wenn unsere Bundeskanzlerin eine Kamera sieht, dann kann sie gar nicht anders, dann muss sie einfach irgendetwas rein sagen - egal, was.
Insgesamt wirkt der Spot auf mich ein wenig wie die Werbekampagne einer Supermarktkette – und vor allem: genauso glaubhaft.
Der Spot der anderen sogenannten großen Volkspartei wirkt dagegen wie eine animierte Collage der besten SPD-Wahlplakate - was in diesem Fall aber gar nicht so schlecht ist, da diese durchaus sehenswert sind. Zwar wird einem die Wahl der Sozialdemokraten hierbei nur nach dem Ausschlussprinzip nahegelegt, aber dafür ist es wenigsten unterhaltsam.
Im zweiten Teil wird dann, wenn auch nur oberflächlich, so etwas wie ein "Programm" zumindest gestreift und - Überraschung - sogar der Spitzenkandidat für die Europawahl, kommt kurz zu Wort bevor auch hier der Kanzlerkandidat den Abschluss bildet.
Aber, das kann man schon noch als Europa-Wahlkampfspot gelten lassen - zumindest, wenn man ihn mit dem von der CSU vergleicht:
Hier wird man nämlich gleich vom Parteivorsitzenden (der selbstverständlich nicht zu Europawahl antritt) begrüßt und am Schluss wieder von ihm verabschiedet. Und dazwischen gibt es - genau! - noch mehr Seehofer!
Die CSU hat nämlich offenbar jede Kosten und Mühen gescheut und lässt einfach ihren Vorsitzenden einen 1:18 langen Monolog in die starr auf ihn gerichtete Kamera und an das spätestens nach den ersten Worten eingeschlafene Fernsehpublikum sprechen - an eine wie auch immer geartete Botschaft kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.
Irgendwie scheint es fast so, als hätte sich die CSU schon damit abgefunden, dass sie es diesmal an der deutschlandweiten 5%-Hürde scheitert und es nicht mehr ins EU-Parlament schafft - der fast flehende Aufruf, doch bitte die CSU zu wählen, am Schluss lässt zumindest mich mit diesem Eindruck zurück...
Nach einem weiten Sprung auf die andere Seite des politischen Spektrums finden wir dann ausgerechnet bei Linkspartei so etwas wie Inhalten. Die haben zwar nur wenig bis gar nichts mit Europa zu tun, sondern betreffen vielmehr zu großen Teilen bundespolitische Themen, aber dann können sie den Spot immerhin im Herbst wieder verwenden. Und, das soll auch noch lobend erwähnt sein, die Linke traut sich immerhin nach den obligatorischen Auftritten von Gysi und Lafontaine auch ihren Opa Kandidaten kurz zu zeigen - und er darf sogar seinen Slogan für den Europawahlkampf verkünden:
„Gemeinsam für den Wechsel“
Na, dann machen wir das doch gleich mal - und wechseln von rot nach gelb, zu den Kollegen von der FDP:
Und immerhin - den Liberalen kann niemand vorwerfen, sie würden ihre Spitzenkandidatin verstecken - vielmehr beherrscht Silvana Koch-Mehrin fast den ganzen Spot. Sie ist allerdings vermutlich auch die einzige Spitzenkandidatin, der es gelungen ist deutschlandweit Bekanntheit zu erlangen - wenn auch nicht gerade auf positive Weise.
Zwischen ihrer Begrüßung und ihrem Schlussmonolog im Guido-Knopp Stil (Halbsatz - Schnitt - andere Kameraeinstellung - Halbsatz - Schnitt - andere Kameraeinstellung - Halbsatz...) präsentiert sie dem Wähler ein Best-of der Leistungen der FDP: Deutsches Grundgesetz, deutsche Wiedervereinigung und Deutschland wird Fußballweltmeister - all das verdanken wir offenbar der FDP (angeblich möchte sie uns sogar zu besseren Ergebnissen beim Eurovision Song Contest verhelfen) und wenn wir auch weiterhin so tolle Erfolge haben möchten, dann sollen wir wohl FDP wählen.
Irgendwie scheint die FDP wohl eine Mischung aus den beiden Schwesterparteien der Union zu sein - zumindest in Punkto Wahlkampfspots.
Konsequenterweise erinnert der Werbespot der Grünen stark dem der Sozialdemokraten: Eine - durchaus witzig anzuschauende - Animation führt dem Zuschauer vor Augen, was ihn erwartet, sollte er nicht die Grünen wählen:
Eine Dominoday-Apokalypse!
Und die einzigen die dieses TV-Spektakel Katastrophen-Szenario aufhalten kann, sind natürlich die Pappkameraden von den Grünen und ihr Wahlkampfslogan:
Toll!
Eines muss man den Grünen aber zu Gute halten: Sie haben tatsächlich verstanden, dass bei der Europawahl nicht die Spitzenkandidaten für den Bundestag zur Wahl stehen und möglicherweise sind sogar die Kandidaten für das EU-Parlament am Schluss noch kurz zu sehen - sicher bin ich mir aber nicht,
schließlich hab ich die ja noch nie gesehen...
Irgendwie scheint das der Trend in diesem Wahlkampf zu sein - bloß nicht die eigenen Kandidaten zeigen. Und das aus gutem Grund: Denn dann würde ja jedermann sehen können, wie wichtig die Parteien die EU in Wirklichkeit nehmen - nämlich gar nicht!
Und es steht zu befürchten, dass viele Bürger zumindest diese Botschaft der Parteien verstanden haben und sich lieber ein schönes Wochenende machen, als zur Wahl zu gehen.
Wer könnte es ihnen verdenken?
Übrigens: Eine Übersicht mit den Wahlkampfspots aller Parteien gibt es auf Wahlumfrage.de
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