Befürworter von Netzsperren zwecks Bekämpfung von Kinderpornographie lassen eine Umfrage in Auftrag geben. Die Umfrageergebnisse werden veröffentlicht und in vermeintlichen Qualitätsszeitungen zitiert. Doch kein Journalist wagt es, die Umfrage kritisch zu hinterfragen und grundlegende Mängel zu erkennen.
Die geplanten Kinderporno-Sperren in Deutschland sind seit Wochen ein dominante Thema in der politischen Debatte, insbesondere innerhalb der deutschsprachigen Blogosphäre. Kaum ein Thema erregt so sehr die Gemüter. An dieser Stelle möchte ich aber gar nicht inhaltlich auf die Sache eingehen. Sowohl die Argumente der Befürworter als auch die Befürchtungen der Kritiker wurden schon ausreichend breitgetreten.
Viel mehr soll es hier um eine aktuelle Umfrage zum Thema gehen, die im Auftrag der Deutschen Kinderhilfe durchgeführt wurde(1). Dass die Deutsche Kinderhilfe zu den größten Befürwortern der Kinderporno-Sperren zählt und massiv politische Meinungsmache betreibt, ist bekannt. Dennoch gehe ich davon aus, dass die Umfrage zumindest nicht bewusst so konstruiert wurde, dass am Ende das gewünschte Ergebnis herauskommt.
Die Welt am Sonntag titelte 92 Prozent der Deutschen für Sperrungen im Internet
. Die Zahl ist auf dem ersten Blick beeindruckend. Aber wirklich nur auf dem ersten Blick. Die vermeintliche Qualitätszeitung verabsäumte jedoch ein kritisches Hinterfragen der Ergebnisse – obwohl sicherlich klar war, welches Interesse der Auftraggeber mit der Veröffentlichung der Ergebnisse verfolgten.
Den ersten Mangel erkennt man bereits, wenn man sich die zweite Fragestellung in der Umfrage ansieht. Bei einer Wahl zwischen „völlig freiem Internet“ und „Kontrolle und Sperrung bestimmter strafbarer Inhalte durch den Staat“ sprachen sich nur noch 84% für Letztes aus. Ein völlig freies Internet wollten hingegen 9% (der Rest war unentschlossen oder machte keine Angabe). Dieses Ergebnis findet aber keine Erwähnung. Klingt schon weniger beeindruckend, und weist darauf hin, dass die Unvereinbarkeit von freiem Internet und Kinderporno-Sperren nicht allen klar ist.
Wesentlich ist aber auch, dass die Intensität der Präferenzen in den Ergebnissen nicht zum Ausdruck kommt. Das Ergebnis berücksichtigt nicht, ob es sich um eine schwache Tendenz handelt, oder doch um eine feste Überzeugung. Es ist anzunehmen, dass es sich bei den Gegnern von Netzsperren um eine Überzeugung handelt. Befürworter haben jedoch oftmals nur eine schwache Tendenz. Sie reagieren in den meisten Fällen nur auf das Reizwort Kinderpornos und haben sich nicht näher mit den möglichen Konsequenzen und der Wirksamkeit der geplanten Maßnahme auseinandergesetzt.
Solange die Intensität der Präferenzen sowie die Intensität der Beschäftigung mit der Frage unberücksichtigt bleiben, handelt es sich um stark vereinfachte Ergebnisse. Vereinfachte Ergebnisse, welche die Wahrnehmung des Bürgerwillens stark verzerren. Natürlich frage ich mich, ob das so bewusst gewollt ist, oder ob Meinungsforscher solche essentiellen Dinge bei der Konzeption einer Umfrage grundsätzlich ignorieren?
Zu rügen sind neben dem Umfrageinstitut vor allem jene Medien, welche die Ergebnisse unkritisch widergegeben haben. Das gilt für die „Welt am Sonntag“ ebenso wie für die Deutsche Presseagentur. Und alle anderen Redaktionen, welche später nachgezogen haben. Da stellt sich doch die Frage: ist das jener Qualitätsjournalismus, für den wir auch in Zukunft Geld bezahlen sollen? Denn solch unreflektiertes Widerkäuen von Aussendungen bringt jede beliebige Schülerzeitung zustande. Das, was eigentlich die bezahlten Journalisten machen sollten, holen hingegen die Blogger nach: Beispielsweise bei Blogs-Optimieren, Wut!, gulli:news, F!XMBR und einigen anderen mehr ...
(1) Durchgeführt wurde die Umfrage von Infratest dimap. Es wurden 1000 computergestützte Interviews ausgewertet. Als Stichprobe wurde eine repräsentative Zufallsauswahl von 1000 Befragten aus der Grundgesamtheit „Wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland“ herangezogen. Die Details sind dieser Übersicht zu entnehmen.
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