Das ist doch der Gipfel

Eine Stadt im Ausnahmezustand: Ausgangssperre für die Bevölkerung, Chaos auf den Straßen, ein Aufgebot von zigtausenden von Polizisten – und fast ebenso vielen Reportern; Sondersendungen, Brennpunkte und Reportagen - „LIVE vor Ort“ und auf allen Kanälen. Ja, ist denn schon wieder Amoklauf? Nein, schlimmer! Es ist NATO-Gipfel…


Gespräche, Konferenzen und Verhandlungen sind out – Gipfel müssen es heutzutage sein: Bildungsgipfel, Klimagipfel, Finanzgipfel, NATO-Gipfel – immer wenn man wo nicht weiter weiß, macht man einen Gipfel. Das führt zwar nur in Ausnahmefällen zu greifbaren Ergebnissen, aber dafür gibt’s da viel wichtigere Dinge: Schöne Bilder, tolle Fotos und … äh … super Aufnahmen.

Und weil die NATO dieses Jahr auch noch ihren 60. Geburtstag feiert, reicht da natürlich so einfacher Gipfel nicht mehr aus, da braucht es schon etwas Besonderes: Einen Doppelgipfel! Erst einen Tag in Baden-Baden, dann einen Tag in Straßburg – und zwischendurch noch einen kurzen Abstecher auf den Nebengipfel Kehl – verhandelt wird auf dem zwar nicht, aber es gibt noch mal ein Extrafoto.
Ist aber auch eine super Idee, so ein Treffen gleich auf mehrere Städte zu verteilen. Ist zwar für die Bürger nicht unbedingt erfreulich, logistisch etwas komplizierter und kostet noch eine Kleinigkeit zusätzlich, aber dafür kann man doppelt so viele Fotos machen – jeden Tag mit einer anderen Stadt im Hintergrund – super!

So eine tolle Stimmung lässt man sich dann selbstverständlich auch nicht von diesen Nörglern vermiesen, die meinen, das ganze brächte zu wenige Ergebnisse, sei zu aufwändig, und vor allem: viel zu teuer – also schlicht: überflüssig! Und die so abstruse Vorschläge bringen, wie, dass sich die Herren Staatschefs doch einfach auf irgendeinem Schiff weit draußen im Meer treffen könnten oder halt sonst irgendwo, wo sie niemanden stören.
Aber das geht natürlich überhaupt nicht – da könnte man schließlich gar keine guten Fotos mehr machen: Immer der gleiche Hintergrund, keine idyllische Landschaft als Kulisse und keine echten Gipfel; höchstens ein paar Wellenberge, aber die sorgen höchstens dafür, dass die Firstladies seekrank werden, und das macht sich dann auch nicht so gut – auf den Gruppenfotos.

Nein, da bleibt man doch lieber bei den Gipfeln auf dem Festland. Das ist gerade auch im Wahlkampf eine super Sache. Da kommt man schön in der Welt herum und muss sich somit nicht dauernd mit irgendwelcher lästigen Innenpolitik rumschlagen, man kann irgendwelche wichtig klingende Dinge in die ständig bereitstehenden Mikrophone sagen und – ich glaube, das erwähnte ich bereits – schöne Bilder machen und nach Hause ans Wahlvolk schicken.
Da ist es kein Wunder, dass unsere Bundeskanzlerin da ganz vorne mit dabei ist, bei den Bergsteigern. Keinen Gipfel lässt sie aus bei ihrer Krisenbergtour: G8, G20, K2, Ü60, usw. usf. – man fragt sich, wie sie das nur alles schafft – Gut, sie besteigt die Gipfel ja auch nicht selbst, sie lässt sich lieber einfliegen, mit einem Helikopter, von einem Gipfel zum nächsten. Die mühevollen Aufstiege davor, die schwindelerregenden Gradwanderungen dazwischen, und die gefährlichen Abstiege in die Untiefen der realen Politik oder gar hinab bis zum einfachen Volk, die überlässt sie lieber ihrem Stuntman, dem Steinmeier – Bilder davon gibt es allerdings leider nicht, denn da unten sind die Lichtverhältnisse einfach zu schlecht zum Fotografieren…

Veröffentlicht am 05.04.2009 von Rumo.

KommentierenArtikel kommentieren oder Trackbackmanueller Trackback


Kommentare

Raphael schrieb am 06.04.2009, 13:45 ( #1 )
Das Beste darna ist ja, dass man dem "schwarzen Block" sogenannter "Demonstranten" auch noch Gelegenheit zum Randalierne gibt. Tut die Polizei nichts, dann wird alles zerstört - tut die Polizei was dagegen, dann waren es ja die "Bullenschweine" die alles provoziert haben. Spart man sich diese Gipfel, dann gibts auch gar keine Anlässe für Randale mehr...

Ähnliche Artikel


blogoscoop