Am Rockzipfel von Mutter Russland

Eigentlich sollte man meinen, dass wir aus der Vergangenheit lernen. Dem scheint nicht so - wieder steht halb Europa ohne Gas dar, weil wir aus dem Babyalter nicht herausgekommen sind. Noch immer säugen wir uns an der Brust von Mutter Russland und begeben uns in die Energie-Abhängigkeit.


Es ist bekanntlich nicht das erste Mal, dass Russland der Ukraine das Gas abdreht. Es kommt einem fast ein wenig so vor, wie beider Sendung Raus aus den Schulden, wo es auch des öfteren vorkommt, dass Ernergieversorger den Schuldnern den Hahn zudrehen. Umso lächerlicher ist es dann, wenn das einem ganzen Staat passiert - und dass im 21. Jahrhundert. Und jetzt wird bekannt, dass trotz der Zusagen des russischen Staatsmonopolisten in Sachen Gas, Gazprom, seines Zeichens Sponsor von Schalke 04, Lieferengpässe in Griechenland, der Türkei, Österreich und den Balkanstaaten entstehen.

Erdgasverarbeitungsanlage
Erdgasverarbeitungsanlage auf Melkoya
Fotograph: Joakim Aleksander, Lizenzbedingungen CC

Fest steht: Die Ukrainer können sich den fossilen Stoff aus dem die Wärme kommt (nicht etwa aus dem die Träume sind) nicht leisten. Und fest steht auch: Gazprom, eines der größten Unternehmen Europas und größter Arbeitgeber Russlands, hat die Macht es abzustellen.

Dabei sollte man eigentlich meinen, dass man zumindest aus dem letztjährigen Gaslieferstopp (ebenfalls durch den Streit Ukraine-Russland) gelernt hätte. Oder vielleicht aus dem Klimawandel, die Pest der seit 2006 in aller Munde ist und die eigentlich Wahlkämpfe entscheiden könnte. Man hätte vielleicht auch aus den exobitanten Ölpreisen 2007/2008 lernen können; vielleicht auch einfach aus der Ölkrise.

Das was man hätte lernen können ist gleichzeitig so banal wie es essenziell für das moderne Leben ist: Fossile Rohstoffe sind a) ein knappes Gut, b) Umweltschädlich und c) Machen uns abhängig von den exportierenden Nationen und deren Lobby (OPEC und ForumGasExportierenderLänder). Irgendwann kann man einfach erwarten, dass diese Lektion einmal gelernt wird. Wenn man sich als Baby die Hand an einer eingeschalteten Herdplatte verbrennt, wird man die Hand kein zweites Mal absichtlich darauf legen. Schaltet man im Fahrschulwagen einmal vom ersten in den vierten Gang, dann macht man das bestimmt auch kein zweites Mal. Aber in Sachen fossile Ernergien sind die Nationen, bis auf die Schweiz, dumm genug denselben Fehler immer und immer wieder zu machen - sich nach jedem erneuten Schlag ins Gesicht erneut auf sie zu verlassen, anstatt sich von ihr unabhängig zu machen.

Wir hören wie Babys nicht auf, uns an ihnen zu säugen, sie sorglos zu genießen, uns immer weiter abhängig von ihr zu machen. Wir sind inzwischen weit über 100 Jahre mit der Nutzung der fossilen Brennstoffe vertraut, seit mindestens 80 Jahren sind sie nicht mehr wegzudenken, ob in Form elektrischer Energie, Brennstoffen für Automobile, Rohstoffe für Stahl- wie Plastikfertigung

Natürlich, irgendwie klar. Angeblich ist fossile Energie ja billiger als die erneuerbaren Energien. Was vielleicht auch stimmt, aber höchstens auf kurze Frist betrachtet. Das Problem mit den Kosten der Umweltverschmutzung ist folgendes: Der Ausstoß von Emissionen verusacht keinerlei Kosten, die dem Individuum zurechenbar sind - keine Kosten, die in der Buchhaltung oder Kostenrechnung des Unternehmens zu finden sind. Doch während die individuellen Kosten gleich Null sind, sind die sozialen Kosten (alle Kosten die wir als Gesellschaft durch die Umweltverschmutzung und -zerstörung in der Zukunft haben werden) weitaus höher - was man in der Ökonomie eine negative Externalität nennt.

Um jetzt diese externen Kosten zu internalisieren, wurden die Verschmutzungsrechte (eine Art Pigou-Steuer) eingeführt. Wer die Umwelt verschmutzen in einem bestimmten Ausmaß will, muss sich diese Verschmutzungsrechte kaufen. Solange diese jedoch vom Staat verschenkt werden, verpufft der Lenkungseffekt. Schlussendlich refinanziert er das durch eine höhere Steuerlast, aber die direkte Zurechenbarkeit fehlt. Die Umweltverschmutzung wird in der Kostenrechnung zu keinem Kostenverursacher, den man abbauen muss. Trittbrettfahrer erwirtschaften weiterhin auf Kosten der Gesellschaft einen Profit für die Firmen-Teilhaber. Hauptprofiteure neben ihnen sind großen Energiekonzerne (die davon Politikern ihre Aufsichtsratsposten bezahlen und sich wunderschöne Konzernzentralen errichten) und die Lieferanten aus Saudi-Arabien, Russland, und Iran (wodurch der sein Atomforschungsprogramm bezahlen kann).

Richtig macht es die Schweiz. Hier kommen rund 60% der genutzten Energie alleine aus Wasserkraft (in Deutschland gerade einmal 3,2% in 2006) - und in Sachen Geothermie ist man hier scheinbar um Jahrzehnte weiter als in Deutschland, wo Politiker, Lobbyisten und Energiekonzerne scheinbar einer Meinung sind: Energie macht erst richtig gute Laune, wenn sie ordentlich qualmt. Es gibt etliche Minister oder hochrangige Politiker die nach ihrer Amtszeit in Aufsichtsräte der großen Vier (EnBW, e-ON, Vattenfall, RWE) kamen. Laurenz Meyer etwa zu RWE, Wolfgang Clement zu RWE Power, Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU) bei der Ruhrkohle AG (RAG). Wenn du wissen willst, ob dein Lieblingspolitiker bei einem der im Energiegeschäft beteiligten Konzernen mitmischt, schau doch einfach auf der Website Nebeneinkünfte Bundestag nach.

Wir lernen also nie aus den Fehlern mit fossilen Brennstoffen. Und so kommt es eigentlich überhaupt nicht überraschend, dass uns jetzt wieder die Probleme unserer Abhängigkeit einholen. Die Liefermengen aus Russland werden kleiner, weil nur ein einzelner Kunde nicht zahlen kann - was ist dann erst, wenn wir uns den Rohstoff nicht mehr leisten können? Und was passiert wenn der Rohstoff ausgeht? Peak Oil ist hier das Stichwort. Wir nähern uns dem Punkt an dem die maximale Fördermenge X überschritten wird und es nur noch berab geht, wo die Preise steigen werden weil die Nachfrage hoch ist aber die Menge abnimmt, wo es sogar Kriege um Rohstoff geben könnte.

Warum also lernen wir nicht endlich aus den zahlreichen Problemen der Vergangenheit, dem Lieferproblem ganz aktuell und den Prognosen für die Zukunft?

... die Liste ist lang. Und Deutschland ist weltweit führend auf dem Gebiet der Herstellung erneuerbarer Energieträger - nur nicht in deren Nutzung. Das Haus der Zukunft hingegen könnte zentral gelegene Geothermie- und Solartechnologie aus heimischer Herstellung nutzen, um Wärme zu gewinnen, Photovoltaik und extern gelegene Wind-, Wasser-, Gezeiten- und Biogaskraft für elektrische Energie. Und das alles schadet der Umwelt in keinster Weise. Und es spült Geld in unsere eigenen Kassen, statt in die der Saudis und Russen. Wenn wir sie herstellen und vermarkten (wie wir es im Moment als Weltmarktführer tun) und sie auch selbst nutzen, in großem Stil, nicht in kleinem Stil, fördern wir nachhaltig und umweltschonend unsere eigene Wirtschaft, schaffen also auch Arbeitsplätze. Die Wirkungsgrade erneuerbarer Energien sind traumhaft, im Vergleich zu den Unmengen verpuffter Wärme bei konventionellen Kraftwerken. Und steigt durch die starke Förderung der erneuerbare Energien die Nachfrage, werden dank Skalenerträge und weiteren Investitionen in technologische Innovationen auch die Preise sinken.

Klingt das nicht wie ein Traum? Ja, das ist der Stoff aus dem Träume gemacht sind. Und wir können ihn wahrmachen - wir müssen nur damit anfangen. Bester Anlass ist unsere Bedrängnis durch den Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine. Bei dem Skiunfall von Althaus forderte man direkt Helmpflicht für Skifahrer, man wollte direkt aus Fehlern lernen. Warum fordert jetzt kein Politiker direkt lernen zu wollen? Es ist mir ein Rätsel. Anscheinend ist es uns Deutschen lieber, die Paläste, Wolkenkratzer und Kunstbauten wie The World zu finanzieren und gleichzeitig unseren Planeten zu zerstören. Der letzte macht das Licht aus!

Veröffentlicht am 06.01.2009 von Raphael.

Literatur zum Thema

Peter Gruss

Die Zukunft der Energie:
Die Antwort der Wissenschaft. Ein Report der Max-Planck-Gesellschaft

Produktbeschreibung von Amazon: Die Zukunft unserer Energieversorgung ist eine der Schlüsselfragen des 21. Jahrhunderts. Wie wird der steigende Bedarf nach Energie von Ländern wie China und Indien befriedigt werden? Gibt es CO2-neutrale oder zumindest CO2-arme Energiequellen, die helfen können, das Problem des Klimawandels zu entschärfen? Was wird die Basis unserer Energieversorgung nach dem Ende des Ölzeitalters sein?


Colin J. Campbell, Frauke Liesenborghs, Jörg Schindler, Werner Zittel

Ölwechsel!:
Das Ende des Erdölzeitalters und die Weichenstellung für die Zukunft

Produktbeschreibung von Amazon: Erdöl ist eine kritische Ressource. Auf der Basis der neuesten Daten bieten die Autoren eine Darstellung der Ursachen und Konsequenzen der Erdölknappheit. Spätestens 2010 ist der Scheitelpunkt der weltweiten Ölreserve erreicht; ab diesem Zeitpunkt kann von Jahr zu Jahr weniger Öl gefördert werden. Gleichzeitig wächst die Nachfrage aus China und Indien, der Ölpreis steigt immer weiter, unsere Abhängigkeit vom Erdöl stellt eine Abhängigkeit vom instabilen Nahen Osten dar und das Ende des billigen Öls macht sogar Ressourcenkriege denkbar. Es ist eindeutig höchste Zeit, alternative Energiequellen zu finden bzw. zu optimieren, doch Politik und Wirtschaft reagieren nur sehr langsam. Die Autoren analysieren umfassend die Energiealternativen und die potenziellen Entwicklungen.


Alexander Rahr

Russland gibt Gas:
Die Rückkehr einer Weltmacht

Produktbeschreibung von Amazon: Nach dem Zerfall der Sowjetunion bot das einst so mächtige Russland nur noch einen matten Abglanz seiner einstigen Stärke. Doch die Schwächeperiode der russischen Politik währte nur kurz. Nicht zuletzt aufgrund seines unvorstellbaren Energiereichtums ist Russland heute vermutlich mächtiger als je zuvor in seiner Geschichte.

Diese Website nimmt am Partnerprogramm von Amazon teil. Sämtliche Angaben ohne Gewähr.


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