Bei uns zu Hause war es (soweit ich mich erinnern kann) schon immer Tradition, irgendwann im Frühling eines jeden Jahres des Eurovision Songcontest anzusehen. Normalerweise habe ich mich selbst als junger Bursche nie dafür geschämt, diese doch recht eingestaubte Veranstaltung anzusehe - bis gestern Abend. Da habe ich mich geschämt, aber aus einem anderen Grund.
Es ist zwanzig Uhr fünfzehn, als die ARD sich mit dem Countdown
zum Eurovision Songcontest (kurz ESC) meldet. Das Grinsegesicht auf der Bühne ist dieses Mal nicht Thomas Hermanns, aber das ist kein wirklicher Trost. Thomas Anders substituiert gekonnt, gekonnt schlecht. Unvorteilhaft schwenkt die Kamera über einen nur mäßig gefüllten Platz. Perfekt in Szene gesetzt die Werbestransparente des NDR.
Perfekt scheint auch das Ensemble an Stars, dass die ARD irgendwie überredet hat, anzutanzen. Als ich Namen wie Mark Medlock
, Paul Potts
, Daniel Schumacher
und HP Baxxter
(Scooter) höre, staune ich zunächst über die Popularität dieser Gäste. Aber ist die ARD inzwischen so arm dran, dass sie sich komplett bei den Privaten mit Live-Acts eingedecken muss? Schumacher und Medlock kommen ihres Zeichens aus der Schmiede von RTL und deren, von ARD-Funktionären und ÖR-Größen
wie Thomas Gottschalk, regelmäßig als sadistisch
, unmenschlich
und zu kommerziell
bezeichneten Format Deutschland sucht den Superstar
. Paul Potts kommt seines Zeichens auch aus einer dieser verteufelten Castingshows, Britains got Talent
(Das Supertalent).
Und eben diese sind es dann, die wenigstens für kurze Zeit Glanz auf die Bühne mitten auf der Reeperbahn zaubern. Sobald die steifen deutschen Zuschauer auf dem Festplatz
mal ein wenig in Fahrt sind, kommt direkt wieder Thomas Anders auf die Bühne und bremst die Stimmung durch langweiliges Gefasel und irrelevante Einspieler wieder auf das peinlich-prüde Niveau von zuvor. Der Auftritt von Guildo Horn
, einem Z-Promi wie er im Buche steht, gerät zur Farce als er es wagt die russische Polizei für das kurz-und-klein Knüppeln der Proteste von Homosexuellen zu rügen. Ich war überrascht, dass in der Sendezentrale keiner den roten Knopf gedrückt hat, um für Signalstörung
zu sorgen. Anders versucht die Situation zu retten, indem er einschiebt: Naja vielleicht kann man dieses Menschenrechtsbewusstsein ja durch so eine Großveranstaltung födern!
. Dummerweise hatte auch ein gewisser Jacques Rogge (Internationales Olympisches Kommittee) selbiges von Olympia in China behauptet - auch da hatte eine Großveranstaltung mustergültig nicht zur Lageverbesserung beigetragen.
Richtig in Grund und Boden schämen konnte man sich spätestens kurz vor Neun, als irgendein XY-Russe auf die Bühne trat; von Thomas Anders als prominent angepriesen. Dieser versuchte dann ernsthaft, für die zweifelhaften Aktionen der russischen Staatsmacht Entschuldigungen zu finden: Bitte habt Geduld, die Russen lernen es erst gerade. Sie haben immer noch Minderwertigkeitskomplexe!
stellte er für sich fest, und war damit in Deutschland zur falschen Zeit am falschen Ort.
Kaum war der geneigte Zuschauer (unter immerhin knapp 6 Millionen Deutschen an jenem Abend) endlich vom überflüssigen Countdown
erlöst, kam auch schon der nächste herbe Rückschlag. Inmitten ungewöhnlich stilsicherer Auftritte nehzu aller teilnehmenden europäischen Staaten waren Alex swings Oscar sings
um den Musiker Alex C (u.a. Du hast den schönsten Arsch der Welt
, Beweg dich Baby
und Du bist so Porno
) der absolute Tiefpunkt. Zur tanzenden Heather Renée Sweet
(eigentlich Dita von Teese), einem billigen Covergirl, gab's entgegen der Empfehlung jedes diplomierten Ohrenarztes Miss Kiss Kiss Bang
(offenbar ganz im Stil von Herrn Alex C) auf's Gemüt. 120 Millionen Zuschauer europaweit sahen, wie tief Deutschland wohl schon gesunken sein musste.
Immerhin holte die Combo Platz 20 von 25 - wesentlich besser also als die No Angels letztes Jahr. Besser allerdings nur, weil wir beim letzten Mal eh ganz hinten gestanden hatten - auf dem letzten Platz...
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