24 Stunden Komalaufen der Medien

Es war ein ganz normaler Tag in dem beschaulichen Städtchen Winnenden in der Nähe des Schwarzwalds. Bis zu jenem Vormittag des 11. März als urplötzlich ganze Heerscharen von Verrückten über die kleine württembergische Stadt hereinbrachen; bis an die Zähne bewaffnet mit Mikros und Kameras überrannten sie die Stadt, schnappten sich wehrlose Bürger und folterten sie mit geheucheltem Mitgefühl und vollkommen inhaltsleeren Fragen. Und keiner war da, die Bürger zu warnen: „Achtung, Herr Neidem kommt in die Stadt“…


Es ist wirklich erstaunlich, was da am Mittwoch vor sich ging. Wie eine Horde vollkommen ausgehungerter Löwen stürzten sich die Medien auf den Fall, rissen sich noch um die unbedeutendsten Neuigkeiten und sendeten jedes noch so inhaltsleere Interview. Völlig egal, ob das Gesendete von Bedeutung ist, den Tatsachen entspricht ist oder überhaupt jemanden interessiert - Hauptsache man ist der schnellste, aktuellste und exklusivste, denn heutzutage ist Geschwindigkeit alles, was zählt.

Offenbar geht da eine große Angst um, unter den professionellen Journalisten; die Angst sie könnten von den „neuen Medien“ überholt werden - von Bloggern, Twitterern und Co. Ganz unbegründet ist diese Furcht - zumindest was die Geschwindigkeit betrifft - auch nicht, denn in der Tat fanden sich die ersten Informationen zum Amoklauf wohl auf Twitter. Doch anstatt auf ihren größten Vorteil - die größere Seriosität und Glaubwürdigkeit - zu setzen, lassen sich die Medien auf einen Wettlauf ein, den sie niemals werden gewinnen können. Und auf der Strecke bleibt ausgerechnet die Qualität der Berichterstattung.

Vor allem aber sind es auch die ethischen Werte, die bei dieser Art der Berichterstattung ganz hinten anstehen muss. Denn eine reißerische Schlagzeile ist hier offenkundig mehr wert als eine ausgewogene und sachliche Berichterstattung, die Präsentation geklauter Bilder aus StudiVZ weitaus wichtiger als der Schutz der Persönlichkeitsrechte und der Menschenwürde und das Non-Plus-Ultra ist natürlich so ein super modernes "Video", direkt vom Ort des Geschehens.

Bei dem ganzen Aufwand den man für eine derart umfangreiche "Recherche" betreiben muss bleibt selbstredend keine Zeit mehr für andere, unwichtige Dinge - wie zum Beispiel mal einen kurzen Blick in die moralischen Richtlinien des Journalismus zu werfen - den deutschen Pressecodex. Und das ist ein bisschen schade, denn dort stünden durchaus ein paar interessante Dinge drin, wie unter Ziffer 11:

Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid.

Es mag ja Grenzfälle geben, in denen sich darüber streiten lässt, was eine „unangemessen sensationelle“ Berichterstattung ist, aber dass diese Grenze hier deutlich überschritten wurde - das zumindest sollte eigentlich jedem klar sein.

Außerdem gibt es ja noch mehr lesenswerte Passagen, wie beispielsweise in der genaueren Ausführung zur Ziffer 11:
Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.

Gerade das sollte man in einem Fall wie diesem eigentlich ganz genau bedenken, denn hier geht es nicht nur darum, dass Heranwachsende vor der Darstellung übermäßiger Brutalität geschützt werden sollen, sondern insbesondere darum, dass der Täter nicht zu einem Vorbild für andere wird - denn bei kaum einer anderen Straftat dürfte die Gefahr von Nachahmungstaten so groß sein, wie bei einem Amoklauf. Doch das erkennen leider nur die allerwenigsten und so bleibt es den Bloggern überlassen sich kritisch mit der Berichterstattung auseinanderzusetzen. Die großen Medien beschäftigen sich derweil lieber damit, ihre Qualität auf ein Niveau hinabzudrücken, welches die "neuen Medien" schon längst verlassen haben.

Und selbst diejenigen, bei denen man eigentlich meint, schlimmer ginge es gar nicht mehr, schaffen es doch immer wieder neue Tiefpunkte zu erklimmen. Ich spreche (wie sollte es anders sein) von der BILD, die für ihren Internetauftritt extra einen eigenen Banner ausgegraben hat:

Screenshot-Ausschnitt von einem Artikel auf bild.de

War wohl noch von der letzten Fußball-EM übrig, aber was soll's? Schließlich ist ein Amoklauf für die Medien doch eh kaum etwas anderes als ein sportliches Großereignis: Eine prima Möglichkeit die Auflagenzahl respektive Quote in die Höhe zu treiben...

Veröffentlicht am 14.03.2009 von Rumo.

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