Tagtäglich sehen wir Menschen die wir auf eine gewisse Art kennenlernen, obwohl wir noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt haben. Ob in Zug, Bus oder auf einem Fußweg, jede Person hat verschiedene Eigenschaften, die sich unbewusst in unser Gedächtnis einprägen.
Es ist Montag und ca. 06:45 Uhr. Der Zug kommt endlich an und ich steige ein. Wie schon beim Warten am Bahnhof sehe ich bekannte Gesichter. Ein Mann mit seinem Rucksack auf dem Schoß sitzt gegenüber von mir. Ein anderer, der wahrscheinlich aus meinem Dorf kommt, ein Stück weiter links neben ihm. An der nächsten Haltestelle steigen noch ein Junge in meinem Alter und eine ältere Frau ein – wie jeden Tag. Beide nehmen den gleichen Platz wie immer ein. Eine Station vor mir steigen, wie gewöhnlich, einige Leute aus, die sich immer bei den Viererplätzen niederlassen.
Das Warten zur Weiterfahrt geht jetzt auch schon los, denn genau hier dauert es immer bis es weitergeht. Aus diesem Grund kommen wir auch immer 4 Minuten zu spät. Nachdem es dann doch endlich weitergeht nähern wir uns auch schon dem Zielbahnhof. Aus Gewohnheit stehen einige der Mitfahrer schon bei der Ansage auf, der Rest bleibt noch ein bisschen sitzen. Nach dem Aussteigen verteilen wir uns nun alle auf die verschiedenen Busse und auch hier warten wieder bekannte Gesichter.
So geht es nun schon eine ganze Zeit lang. Jeden Tag sehe ich die gleichen Personen und immer mehr fallen mir ihre verschiedenen Eigenschaften auf. Ob es nun der Stammplatz ist oder nur ein gewisser Punkt, der immer wieder angeblickt wird, immer mehr werden mir diese völlig unbekannten Leute bekannt. Nicht durch irgendwelche Gespräche, sondern durch ihre Wege zur Arbeit bzw. Schule oder durch Gewohnheiten, die ich im vorherigen Satz schon genannt habe.
Es ist komisch, doch irgendwie fällt es mir sofort auf, wenn zum Beispiel jemand fehlt. Es ist einfach ungewohnt plötzlich einen leeren Platz vorzufinden, wo normalerweise jemand sitzt oder eine der Haltestellen ohne die gewohnten Einsteiger zu verlassen. Da kommt dann doch die Frage nach dem Warum
auf, denn irgendwo verbindet uns alle etwas, auch wenn es nur der gemeinsame Weg am Morgen ist.
Vielleicht ist es ja genau diese stumme Verbindung, denn wir kennen uns doch alle irgendwie. Zwar kommt nie viel mehr als ein Gruß zustande, doch irgendwo gewöhnen wir uns an die Anwesenheit der Personen um sich herum. Es heißt doch immer, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist und wenn das wirklich stimmt, dann ist das bestimmt einer der Gründe, warum mir plötzlich jemand abgeht, obwohl ich ihn nicht kenne. So ganz genau kann ich mir das selbst aber wirklich nicht erklären.
Es könnte ja auch nur daran liegen, dass ich nicht gerne irgendwelche Dinge ohne Grund hinnehme. Es gibt so viele Möglichkeiten, die man gar nicht alle durchgehen kann und solange noch alles glatt läuft wird es auch keinen Grund geben sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Eines ist am Ende aber sicher, die scheinbar Unbekannten sind uns bekannter als wir vielleicht wahr haben wollen.