Heuchelmörder

Menschen sind scheinheilig. Das sollte hinreichend bekannt sein. Doch manche reizen es einfach schamlos aus und kaufen sich ihren Lug und Trug dabei auch noch selber ab. Die Rede ist von Vegetariern. Denn bei ihnen fängt das Heucheln schon bei einer der essentiellsten Tätigkeiten überhaupt an: Dem Essen.


Es war also mal wieder der Weltvegantag. Couragierte Aktivisten zeigten vor dem Brandenburger Tor in Berlin wie viel besser ihr Lebensstil ist. Und wie macht man das am besten? Indem man demonstriert wie viel schlechter alle anderen sind. Dazu überkippten Sie halbnackte Peta-Hippies in überdimensionalen Tiefkühlwarenschälchen mit etwas, das ich als Rote Beete-Saft definieren würde und hofften auf ein paar schockierte Gesichter und vielleicht dem ein oder anderen Naivling, der sich vor lauter schlechtem Gewissen ihrer scheinheiligen Kuschelgruppe anschließt. Ja, so grausam und abstoßend könnte Menschenfleisch in der Kühltheke aussehen.

Genauso grausam und abstoßend wie "diese 500 Millionen Tiere, die jährlich in Deutschland gekillt werden um sie auf den Tellern wieder zu finden. Das ist ein sehr barbarischer Akt und definitiv nicht mehr Zeitgemäß" findet Hubertus Regout, ein offenbar stark engagierter Peta-Unterstützer und Seifenopern-"Darsteller", der seine geradezu gigantische Bekanntheit bei kreischenden, manipulierbaren Teenagern wohl zu einem guten Zweck ausspielen will. Denn für Vegetarier müssen keine Tiere sterben oder leiden. Darum sind sie die besseren, moderneren und vernünftigeren Menschen.

Dieser Aufzählung würde ich aber gerne noch ein Adjektiv hinzufügen: "heuchlerischeren". Denn offenbar sind Vegetarier der Meinung, dass der Tod von Pflanzen weniger "tragisch" ist als der Tod von "höher entwickelten" Wesen. Beleuchten wir hierzu also neben Karotten, Salat und diversem Obst doch einmal den Werdegang einer guten, alten, bodenständigen Kartoffel. Die Kartoffel, die ja nun einmal kein für uns erkenntliches Gesicht hat, aus dem sie uns gequält anstarren könnte und der wir auch keine komplexen Emotionen zutrauen, wächst und gedeiht zunächst einmal auf riesigen Feldern wo sie für bessere Erträge mit Dünger "gemästet" wird. Ein Vergleich zur Massenviehhaltung liegt nahe.

Irgendwann sind sie dann Schlacht- bzw. Erntereif, also werden sie ohne Vorwarnung gewaltsam dem Schoß der Erde entrissen. Da man nur die Knollen haben will, wird der "Rest", also mehr oder weniger die Hauptbestandteile der Kartoffelpflanze, beseitigt. Vielleicht wird er noch mal auf die Felder gestreut um zukünftige Generationen zu nähren. So ähnlich wie das damals mit dem Tiermehl war. Vielleicht wird der "Abfall" aber auch einfach nur vernichtet.

Wenn die Kartoffel anschließend mit hunderten Artgenossen – zumindest was von den Pflanzen übrig blieb – unsanft über stählerne Förderbänder rollt und in enge Netze gezwängt wird sehen Vegetarier scheinbar immer noch keine Parallelen. Danach liegt die Kartoffel in der Gemüseabteilung herum nur um auf einen gnädigen Käufer zu warten, der sie zu Hause in endlos scheinender Dunkelheit im Schrank lagert. Jene, die es wagen nach neuem Leben zu streben und auszutreiben wurden dabei schon im Laden ausgemustert.

Und jetzt das strahlende Finale! Nachdem die arme Kartoffel nun in der Finsternis und ganz ohne Erde ausgeharrt hat, werden ihr unbarmherzig die zarten, frischen Triebe abgerissen, die sie mit Mühe und Not unter Einsatz ihrer Energiereserven wachsen ließ. Doch damit nicht genug. Bei lebendigem Leibe wird ihr die Haut abgeschält und sie in kochendes Salzwasser geschmissen. Klingt eher nach einer mittelalterlichen Foltermethode als nach einer vegetarischen Mahlzeit.
Eine interessante Frage nebenher: Ab wann ist so eine Kartoffel eigentlich offiziell tot? Im Schrank lebte sie zweifelsohne noch, hat man ihr doch die ziemlich lebendigen Triebe abgerupft. Nach dem Schälen sicherlich auch noch. Vermutlich irgendwann nach ein paar Minuten im Wasser. Wenn die Hitze sich bis in ihren innersten Kern gefressen hat und auch das letzte bisschen Leben auskocht.

Ist das alles wirklich so viel besser, als ein Tier zu essen? Ist ein Lebewesen nicht ein Lebewesen, ganz gleich in welcher Gestalt es auftritt? Woher nehmen sich Menschen, hier insbesondere Vegetarier, also das Recht, eine Art "Rangliste" zu erstellen, welche Lebensformen man frohgemutes töten darf und welche nicht? Menschen mit Listen auf denen stand, wen oder was man umbringen darf gab es in der Geschichte schon zuhauf. Und sie alle etikettierten sich selbst das Siegel des "Besseren" auf die Front. Einmal mehr der Beweis dafür, dass sich menschliche Geschichte ständig im Kreis dreht, weil niemand wirklich dazulernt.

Dabei ist doch das große Paradox des Lebens, dass man gezwungen ist zu töten um zu leben. Leben beenden um Leben zu erhalten. Dieses Paradoxon beginnt schon bei den Basisfunktionen unseres Organismus. Wie lange wäre man wohl überlebensfähig, würde der Körper nicht ständig Milliarden von Mikroorganismen den Garaus machen? Auch das – oder gerade das – ist Leben, bilden Mikroorganismen doch die Basis unseres Seins. Und dennoch hört man auf zu leben, hört man auf zu töten.

Es ist ohne Frage bedrückend, wenn Tiere in riesigen Fabriken wie Konsumware herangezogen werden nur um ein langsames, grausames, in Vakuum verpacktes Ende zu finden. Aber wie kommt es, dass es scheinbar völlig egal ist, wenn exakt das Gleiche mit Pflanzen passiert? Tote Tiere, tote Pflanzen. Das ist doch völlig einerlei! Wir fressen alle abgestorbene und manchmal sogar noch lebendige Organismen. So viel Bewusstsein sollte vorhanden sein.

Es ist doch im Grunde auch eher zweitrangig ob Pflanzen so wie Tiere empfinden, wenn sie gezüchtet, gelagert, getötet und gegessen werden. Allein die Tatsache, dass sie alle Lebewesen sind offenbart den megalomanischen Status, den sich Vegetarier nicht nur gegenüber Pflanzen, sondern auch gegenüber Fleisch essenden Mitmenschen einräumen.
Zu behaupten der eigene Lebensstil wäre besser oder erstrebenswerter weil man nur bestimmte Lebewesen tötet und andere verschont ist doch pure Heuchelei. Das haben in der Geschichte schon ganz andere versucht. Am besten wird dann auch noch beim zu Bett gehen die nervtötende Mücke erschlagen und zwar allein aus dem nichtigen Grund, weil sie einen genervt hat. Ist ja nur ein Insekt und hat keine großen, braunen Kulleraugen, die einen traurig anstarren können.

Alle Argumente, die irgendwie das angebliche bewahren der armen Tierleben beinhalten sind nichts weiter als dreistes Blendwerk. Natürlich versteckt sich ein Großteil der Menschheit hinter solchen Finten. Berühmt vor allem die Behauptung, der Mensch sei eine so genannte "Krone der Schöpfung". Meist um mit der Bürde und dem Zwang des Tötens besser zurechtzukommen. Aber mit Vegetarismus, dem selbst ernannten "besseren Lebensstil", treiben es manche Menschen mal wieder auf die Spitze.

Während sich also Veggies in Gemüsesaft räkeln kommentiert Seifen-Sternchen Hubertus, "dass alle Lebewesen aus dieser Welt gleich gemacht sind" und "aus Knochen, Blut, Fleisch bestehen." Sehr passend, hier die minderwertigen Pflanzen außen vor zu lassen. Offenbar geht nur als Lebewesen durch, was auch Knochen, Blut und Fleisch wie wir Menschen hat. An den Händen von Vegetariern klebt allerdings genauso viel Blut wie an allen anderen. Nur ist dieses nicht rot, sondern grün.

Veröffentlicht am 06.11.2010 von Robert.

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