Als sich Robert Enke, Familienvater und Nationaltorhüter, vor zwei Tagen das Leben nahm, dauerte es keine Stunde bis die Meldung alle Medien durchdrungen hatte. Selbst die Comeback-Ankündigung von Michael Schumacher hat es nicht auf diese Verbreitungsgeschwindigkeit gebracht. Eine neue Qualität hat auch der Voyeurismus des Einzelnen. Jeder meint, seine Meinung ist jetzt wichtig...
Alle wollten sie ihr Stück vom Kuchen abbekommen. Vor allem die Macher des Web 2.0
, also Leute wie du und ich. Mehr oder weniger gerissene Nutzer von YouTube hatten wie immer eine super Idee. Unter dem Titel R.I.P Robert Enke
verzeichnet ein Video knapp 460.000 Aufrufe. Mit Windows Movie Maker hat man ein paar Bilder wahllos aneinandergereiht, dazu gibt es Niemals geht man so ganz
von Trude Herr
. Am Ende steht in Blau-Weiß Ruhe in Frieden
.
Gerade den will man seiner Familie und ihm aber um keinen Preis lassen. Nach drei Tagen bringt es das Video auf über 7.000 Kommentare, darunter besonders schlaue wie schon traurig das depressionen einen zu selbstmord bringen können
. Die Stimmung heizt sich auf. Ein User wünscht einem Anderen, dass dieser sich bald selbst umbringen möge. Der nächste droht einem Benutzer, den er als PISSER
bezeichnet (O-Ton): [...]wir sollten dich mal vor einen zug stellen um zu schauen wie gut du halten kannst!
Die Perversion im Internet kennt sowieso keine Grenzen mehr Unter dem angeblichen Trauervideo
wirbt ein Spamaccount für Free Porn
im Fuckheaven
. Ein Kanadier rät dem Toten, nächstes mal solle er per Flugzeug reisen
(O-Ton: Next time travel by airplane.
)
Bei weitem nicht das einzige Video. Das nächste mit Movie Maker gefertigte Video hat dieselben Bilder, dieses mal gibt es wider der Nutzungsbestimmungen von YouTube einen Song von Johnny Cash - nur knapp 33.000 Views, schade für den Kreativen Kopf
, da kam er wohl zu spät im Theater der individualisierten Perversion im modernen Massenmedium.
In einem dritten Video (alle befinden sich unter den auf der YouTube-Startseite angepriesenen Beliebten Videos
) geht es endgültig über das Grundgesetz hinaus, und damit gegen den gesunden Menschenverstand. Ein Nutzer kommentiert das Video im Bezug auf die Geschlechtsteile des Torhüters; man müsste sich schämen, den Originalton hier noch wiederzugeben.
Ich werde den Uploadern hier jedenfalls nicht den Gefallen tun, die Videos noch zu verlinken. Aber jeder Beteiligte muss sich eines fragen: Wir teilen unsere Hobbys im Internet, unsere Vorlieben und Abneigungen, Fotos und Texte, inzwischen intimstes. Aber ist der Werteverfall schon so weit fortgeschritten, dass kollektive Trauer sein muss? Und muss sie in Anfeindungen, Heuchelei und Spam enden? Haben wir die Würde des Menschen nur aus den Augen verloren - oder sie absichtlich mit Füßen getreten?
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