Es war einmal vor langer Zeit, in diesem Land. Der Einzelhandel florierte in belebten Einkaufsstraßen der Innenstädte. Für jedes Gut gab es andere, familiäre Läden. Dann kamen die Kaufhäuser und bereicherten diese Landschaft. Und irgendwann bauten sie eine Shoppingmall...
Es ist um das Jahr 1900, als die Geschäfte noch familiär sind. Antiquariat Müller
, Stoffe & Nähgarn Meier
oder Lebensmittel Bergmann
heißen die Läden, zwischen denen die Bürger in der Einkaufsstraße pendeln. Jeder kleine Laden führt andere Güter, hat sich spezialisiert und steht seit langem in Familienbesitz - so will es die Tradition. Die Gebäude passen architektonisch gesehen wunderbar zusammen, auch wenn jedes seinen individuellen Charakter besitzt. Es geht weder um ausschweifendes Flanieren noch um zielgerichtetes Gestürme durch die Läden.
Was dann kommt, ist so bemerkenswert wie einmalig. Die Antithese des Marktes quasi - einige der Einzelhändler expandieren.
Darunter unter anderem Leonhard Tietz, jüdischer Abstammung und ausgestattet mit einem einzigen Textilgeschäft in Stralsund, 1879. Nach der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft stirbt er 1914, doch von seinem Sohn Alfred Leonhard Tietz wird das Geschäft fortgeführt. Bereits 1930 war Tietz an 43 Standorten präsent, mit 15.000 Mitarbeitern. Mit Gerhard Tietz leitete er das Unternehmen, bis es 1933 von den Nazis enteignet wurde. Der Zerschlagung des Konzerns Leonhard Tietz AG
entging man mit der Umbenennung in die Westdeutsche Kaufhof AG
- Kaufhof.
Aus der gleichen Familie schreibt ein andere Mann eine ähnliche Geschichte - Hermann Tietz. 1882 finanzierte er das Warenhaus seines Neffen Oscar Tietz in Gera mit. Oscar wiederum war Bruder von Leonhard (s.o.). Auch Hermann Tietz expandierte, baute prunkvoll am Alexanderplatz in Berlin, begründete das Alsterhaus in Hamburg. Zusammen kontrollierten Oscar und Hermann den Südosten der Republik mit ihren Kaufhäusern, den ersten ihrer Art in Deutschland neben denen von Leonhard im Westen. Oscar Tietz übernahm 1927 schließlich das KaDeWe in Berlin. 1933 wurde auch dieser Teil der Familie Tietz enteignet, von den Nazis. Der Konzern Hertie (Zusammengesetzt aus Hermann Tietz
) ging nach dem Krieg trotz herber Filialverluste wieder auf.
1881 startete ein dritter Großer, ganz klein - Rudolph Karstadt. Tuch-, Manufactur- und Confectionsgeschäft Karstadt
hieß sein erstes Geschäft in Wismar - noch heute Stammhaus von Karstadt. Anstatt auf das übliche Feilschen um die Preise zu setzen, wie viele es taten, setzte Karstadt neben der Familie Tietz auf damals gänzlich ungewöhnliche Festpreise. In 24 Städten Norddeutschlands konnten schnell Filialen errichtet werden. Ab 1911 kamen Eigenfabrikationen von Bekleidung zum Verkauf. Nach der Akquise der Hertie-Warenhäuser 1994 und einer Fusion mit Quelle entstand der heutige Arcandor-Konzern.
Der vierte große Warenhauskonzern startete spät, aber fulminant - Horten, benannt nach Gründer Helmut Horten, der übrigens im Düsseldorfer Kaufhaus Leonhard Tietz gelernt hatte. 1936 übernahm er das jüdische Kaufhaus Alsberg in Duisburg, bei dem er nach seiner Lehre Angestellter gewesen war. Bis 1939 übernahm er 6 weitere Warenhäuser u.a. emigrierter Juden.
Weitere Kaufhausketten der ersten Stunde waren: Der Wertheim-Konzern, das Kaufhaus Wonker (oder auch: Hansa AG) und das Kaufhaus Althoff.
Dies alles führt uns auf die Variatio für Kaufhauskonzern
zu. Bei Kriegsende stehen vier große Warenhauskonzern in den Innenstädten, dazu mehrere kleinere. Mit den besten Standorten sind es Karstadt, Kaufhof und Hertie, leicht abgeschlagen und blutjung Horten. Aus Einzelhändler zwischen Dutzenden anderen in den Innenstädten hatten sich wenige davon aufgemacht, ein ganzes Land mit Waren zu versorgen - bis 1933 ist quasi von einer Gründerzeit
zu sprechen. Noch bemerkenswerter war, dass die Innenstädte nicht merklich litten. Eine gewisse Synergie zwischen Einzelhandel und Kaufhäusern ist wohl ebenso zu bemerken, wie die absolute Stimmigkeit mit der Wirtschaftswunderzeit um 1955.
Die Architektur der meisten dieser Warenhäuser ist eindeutig der Wirtschaftswunderzeit zuzurechnen, noch heute. Orange, Beige, Braun. Messinggriffe, Schwingtüren, ein Restaurant in jedem Warenhaus, dieser leicht muffige, aber willkommene Geruch beim Betreten. Vor allem die Horten AG blühte in dieser Zeit auf. Geld war zwar immer noch knapp, aber zum Flanieren, dem ausführlichen Shoppen reichte es. Mit einem Restaurantbesuch konnte ein Einkauf auch einen halben Tag dauern; die Geschäfte waren für damalige Verhältnisse modern und sehr gut besucht. Alles an einem Ort, auf 10.000 und mehr Quadratmetern. Kaufhäuser und Einzelhandel gingen Hand in Hand, die Käufhäuser fügen sich auch architektonisch gut ins Stadtbild ein.
Das Ende des Wirtschaftswunders spätestens mit Ende der 70er Jahre markiert auch das Ende dieses Märchens von expandierenden Kaufhauskonzernen. Mit der wirtschaftlichen Flaute kam vor allem eines wieder auf: Zielgerichtetes, sparsames Einkaufen. Neben der Boomzeit der Lebensmittel-Discounter ist dies auch die Zeit der Depression der Kaufhäuser. Irrentable Standorte wurde aufgegeben, dem Billigsegment wurde sich u.a. in Gestalt der Merkur und der Kaufhalle AG angeglichen. Der Mittelakt des Dramas. Das Problem war aber nicht in den Griff zu kriegen. Geschäfte mit mehr als 10.000 Quadratmetern setzen eine starke Kundenfrequenz voraus, lange und ganzheitliche Einkäufe (klassische Warenhäuser wie eben Kaufhof sind Vollsortimentler, bieten alles an, also muss der Kunde auch alle angebotenen Güter nachfragen) gleichermaßen. In der Wirtschaftsflaute war Schluss damit, Schluss mit dem Flanieren. Filialschließung brachte keine Heilung, also blieb nur eine zweite Flucht nach vorne, die zunächst nur das größte Opfer der Krise erkannte: Horten. 1988 brachte sie einen neuen Typ von Warenhäusern auf den Markt: Galeria. Die Galeria-Horten trugen diese Namenszug deutlich sichtbar am Neonschild, zunächst waren es nur Heidelberg und Münster.
Klassische Warenhäuser sind künstlich belüftete, fensterlose, meist noch mit abstoßendem Teppich und Neon-Beleuchtung ausgestattete Komplexe. Die Galeria-Filialen waren ganz anders. Helle, freundliche Farbgebung meist in Weiß und mit die-Monotonie-brechenden Fensterelementen. Dazu kommen Einzelhändler im Warenhaus, etwa Lottostellen oder Friseure. Pflanzliche Ausgestaltung und frische Dekoration waren weitere Merkmale. 1988 war die Krise der Warenhäuser aber schon zu weit fortgeschritten, das Galeria-Konzept kam zu spät. Und so setzte ein, was in der Marktwirtschaft immer in Krisenzeiten einsetzt: Konzentration des Marktes.
Die perfekte Synthese findet statt. Karstadt schluckt 1994 die Warenhäuser von Hermann Tietz, also die Warenhauskette Hertie. Leonhard Tietz' Kaufhof übernimmt Horten - eine Ironie, hatte doch Horten bei Tietz gelernt und dann jüdische Geschäfte übernommen. Horten hatte zuvor bereits die Geschäfte von Salman Schocken übernommen, Hertie hatte vor der Übernahme durch Karstadt den Wertheim-Konzern übernommen...und so weiter und so weiter. Die Spirale drehte sich, drehte sich bis 1994. Status: Von 4 großen Warenhauskonzernen und etlichen kleinen Ketten waren nur die Stärksten geblieben: Karstadt und Kaufhof. Kaufhof aber auch nur als Teil eines weit größeren Konzerns, der Metro.
Und dann...bauten sie eine Shoppingmall...
Es ist in jeder erwähnenswerten Stadt das gleiche Spiel. Sie bauten eine Shoppingmall...und die Fußgängerzone mit den Einzelhändler und den Warenhäusern starb. Ein Einkaufszentrum vereint Einzelhändler, nur eben die moderneren. Confection Müller
wird eben H&M
, dazu noch ein Coffee-Shop, ein Schmuckladen, ein Eisverkäufer und jede Menge andere trendige
, kleine Läden. Nicht, dass man sie nicht in der Fußgängerzone hätte ansiedeln können, da wäre Platz gewesen. Es wäre halt nur nicht so prestigeträchtig gewesen.Unsere Stadt hat jetzt...ein Einkaufzentrum
, klingt natürlich nach etwas. In den Ohren der Shoppingtouristen, in den Ohren der Bürger, in den Ohren der Politiker. Natürlich, jeder liebt es. Alles an einem Ort, perfekt inszeniert, überdacht. Kulinarisches, Bekleidung, Elektronik und Haushaltsbedarf. Es tat nur der Innenstadt nicht gut.
Zuerst setzt eine Abwanderung ein, in meiner Stadt war es so, wahrscheinlich auch in deiner oder Ihrer. Geschäfte mit hohem Anspruch und meist Teil einer Kette wandern ins Einkaufszentrum ab. Dadurch sinkt die Attraktivität der innerstädtischen Einkaufsstätten wie eben Fußgängerzonen, weil diese Magneten fehlen. Den umliegenden Geschäften fehlt nun ein überragendes, Kunden-anziehendes Geschäft, welches für sie einige seiner Kunden zusätzlich abwirft. Die Synergie ist gebrochen.
Dann kommt es zur Substitution; zumindest wird der Versuch dieser unternommen. Der 50Pfennig-Shop
oder Alles Saubillig, megabillig, am billigsten
ziehen in ehemals attraktive Ladenlokale. Die Mieten sind aufgrund der Abwanderung niedrig, Nährboden für eben solche Heuschrecken
. Das Problem ist, dass kaum jemand hier einkaufen möchte. Die Qualität ist gering, viele Produkte erfüllen gar keinen Nutzen, ein Einkauf hier ist im Bürgertum verpönt. Diese Nachbarschaft ist für verbleibende Geschäfte von besserem Ruf Negativwerbung, der Standort gilt von nun an als Chancenlos. Alles was Rang und Namen hat ist nun, außer eben den großen Kaufhäusern, im Einkaufszentrum. Insolvenzen und weitere Abwanderung führen zu fatalem Ladenleerstand, die Innenstadt verkümmert an der Geltungslosigkeit des Standortes für die Wirtschaft. Verfall der Gebäude ist ebenso Folge wie eine Abwertung des gesamten Bezirks.
Wenig angepasst, und dies muss man klar dem Missmanagement zurechnen, haben sich in dieser Situation auch und entscheidend die Kaufhäuser. Es waren eh nur zwei Konzerne, aber diese gelten inzwischen als absolut eingestaubt - alte-Leute-Laden
schimpft man bei mir in der Stadt gerne. Die Architektur und Innenausstattung noch aus den 60ern und 70ern, das Warenangebot konservativ und an Standorten, denen die Malls den Rang abgelaufen haben. Die Güter die man im Warenhaus bekommt gibt es in moderneren, ansprechenderen, und besser-positionierten Shops im Einkaufszentrum. Architektonisch und Städtebaulich passen die alten Fassaden der Kaufhäuser längst nicht mehr ins Bild, vielleicht hast du ja mal von den Horten-Kacheln gehört.
Zwischenzeitlich belebte Karstadt den alten Namen Hertie (s. Hertie GmbH) wieder, was aber rein gar nichts mehr mit Hermann Tietz altem Imperium zu tun hatte. Irrentable Karstadt-Filialen wurden in den Namen Hertie abgeschoben. Anschließend ging alles an XY-Investoren, die dieses Jahr damit endgültig Pleite machten - Hertie starb ein zweites Mal, nur im Zwecke einer vermeintlichen Gesundschrumpfung.
Auch Nobelstandorte wie das KaDeWe, München-Oberpollinger, das Carsch-Haus (trägt übrigens als einzigstes Gebäude überhaupt noch das alte Horten-Logo) oder München am Bahnhof können die Konzerne nicht retten. Ab 2008 erwägte die Metro eine Abstoßung von Kaufhof, aber die Finanzkrise brachte sie vorläufig zum Umdenken.
Damit haben wir den Status von heute erreicht - willkommen zurück im Jahr 2009. Heute stehen wir erneut mitten in der Krise - wie 1980. Die Innenstädte haben keine städtebauliche Harmonie mehr. In Dutzenden und Aberdutzenden Großstädten haben die Stadtplaner versagt, als sie Shoppingmalls auf die grüne Wiese oder in die Innenstädte setzten. Die Wirtschaftskrise ab den 80er-Jahren brachte die Warenhäuser fast zu Fall, die Malls vernichteten die Fußgängerzonen. Leerstand, Verfall, Verschiebung der Zentren. Dieses Mal sind es zwei Krankheiten, die die Kaufhäuser einholen. Die Wirtschaftskrise seit 2008 - und die Überalterung des Image dieses ehemaligen Boom-Business. Die Standorte wurden vielfach nicht gepflegt, Sortimente kaum angepasst. Karstadt braucht Geld, vom Staat, so sagt der Konzern.
Es gibt in diesem Drama keinen Deus-ex-Machina. Wozu auch? Der Staat kann nicht alle retten. Vor allem eine Branche, die sich seit Hortens Galeria-Konzept nicht mehr verändert hat, und die seit den 80er/90ern im Bewusstsein der jungen Generationen tot ist, muss sich nun selbst retten. Nur wie? Die Zeichen stehen wieder auf Konzentration - Karstadt und Kaufhof sollen eventuell (die Gerüchte ändern sich täglich) fusionieren. Es wäre ein wichtiger Schritt. Synthese aus der Antithese von 1900. Das Drama kann hier sein Finale finden. Ich spreche von Chance.
Eine Fusion beider wäre überaus nützlich. Wo beide Konzerne vor Ort sind, kann nur die bessere Filiale gehalten werden, sodass Konkurrenz wegfällt. Das Firmenimage kann bei einem neuen Konzern auch neu definiert werden. Ein neuer Name, eine neue Corporate-Identity, Renovierung der Standorte, neue Sortimente und neue Erlebnisse. Gemeinsamer Einkauf spart Geld. Um Wegrationalisierung wird man nicht herumkommen, dafür ist es 20 Jahre nach dem eigentlichen Weckruf zu spät. Hätte man ihn lieber gehört.
Was sowieso nie jemand einsehen wollte, außer Horten mit dem Galeria-Konzept: Man muss nicht mit den Einkaufszentren konkurrieren. Diesen Kampf verliert jeder Vollsortimentler. Man muss etwas ganz anderes und doch so ähnliches bieten: Ein unvergleichliches Einkaufserlebenis. Den Besucher entführen in eine Welt von Qualität, guten Geschmacks, exzellentem Service, ausgewogenem Sortiment, kurzen Laufwegen, sinnlicher Dekoration, schmeichelnder Tagträumerei. Der Kunde muss im Haus verweilen. Nimmt er keinen neuen Reisekoffer mit, dann zumindest etwas aus der Süßwarenabteilung. Kommt ein Durchreisendender in eine Stadt muss es das Warnehaus sein, an dem er diese Stadt messen wird. Es muss ein Prestige-Nutzen für eine Stadt sein, solch ein Haus zu beheimaten. Discount sind andere.
Es war einmal in diesem Land...als sich einige aufmachten, das Land mit Waren zu versorgen. Es war einmal, eine Wirtschaftswunderzeit, Märchen. Ob ich selbige erzählt habe, kannst du ja beurteilen. Es war einmal ein Stadtbild. Und dann...bauten sie eine Shoppingmall.
Quellen: Wikipedia, die freie Enzyklopädie; Alle Skizzen sind Anfertigungen des Verfassers.
Dieser Artikel ist argumentativ-wertend. Es wird kein Anspruch auf Richtigkeit und Aktualität der Angaben erhoben - Irrtümer nicht ausgeschlossen.
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Schlagworte: Einkaufszentren • Fehlplanung • Kaufhaus • Satdtplanung • Städtebau • Warenhaus • Wirtschaftskrise • Wirtschaftswunder