Bitte recht freundlich! Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges!

In den letzten Wochen machten mehrere namhafte Konzerne Schlagzeilen damit, dass ihre Mitarbeiter auf Schritt und Tritt überwacht werden. Ebenso bekannt dürften die düsteren Pläne des Innenministers Wolfgang Schäuble sein, der ja am liebsten jedem Säugling gleich nach der Geburt eine Kamera ins Auge und ein Mikrofon ins Ohr setzen würde. Was aber, wenn die „Bedrohung“ der unwissenden Bürger von einer ganz anderen Seite kommt, von wo keiner mit rechnet? Was, wenn die Bedrohung von MIR ausgeht? Ich habe die Deutsche Bahn, ihre Mitarbeiter und ihre Kunden schon längst durchschaut, wie sich bald zeigen wird.


Nun sitze ich also im InterCity von Düsseldorf nach Mannheim. Drei Stunden Fahrt habe ich vor mir, genug also, um den Versuch zu wagen, jegliches Geschehen in meinem Blickfeld eingehend zu Papier zu bringen. Ja, in der Tat! Selbst im Jahre 2009 gibt es noch Leute, die Texte zuerst mit Tinte sichtbar machen, dann erst schwarze Pixel daraus entstehen lassen!

Kaum sitze ich auf meinem Platz, kommt auch schon die Schaffnerin und fragt mich nach meiner Fahrkarte – ihr gutes Recht. Nach eingehender Betrachtung Derselben bittet sie mich, ihr meine BahnCard zu zeigen, welche ich ihr zu diesem Zeitpunkt bereits gefühlte 5 Minuten noch immer freundlich lächelnd entgegenhalte.

Kaum habe ich den lang ersehnten Zangenabdruck, höre ich, dass ein Fahrgast hinter mir den Versuch unternimmt, sich ohne Ausweis auszuweisen – welch jämmerliche Gestalt.

Ich lasse meinen Blick schweifen und entdecke einen Rubick’s Cube, der aus mir nicht ersichtlichen Gründen gegen das Licht der zu diesem Zeitpunkt noch erbärmlich schwach scheinenden, weil mit dichtem Nebel zu kämpfen habende Sonne gehalten wird.

Ein Handy klingelt. Eine ältere Dame, wahrscheinlich eine Büroangestellte im Ruhestand geht ran und teilt dem gesamten Waggon mit, dass sie im IC sitze. Bravo, Oma! Dank Dir weiß jetzt auch der letzte Trottel hier, dass er soeben einen InterCity der Deutschen Bahn gestiegen ist! Wer hier also nur aus Versehen sitzt, der weiß spätestens jetzt, dass er ganz bald die Türen nach draußen suchen sollte.

Kurz vorm Kölner Hauptbahnhof hält der Zug auf der Hohenzollernbrücke. Ein überaus freundlicher Zugbegleiter teilt uns per Lautsprecher mit, dass diese Brücke tatsächlich nicht der Hauptbahnhof ist und wir doch bitte die Türen geschlossen halten sollen. Soll das etwa heißen, dass der Zugführer bereits die Türen entriegelt hat? Was für ein Held!

Nach der berühmten „ßänk ju foa tchäweling wiß da Kompanie Deutsche Bahn“-Ansage fügt der Herr noch hinzu, dass mich das Servicepersonal im Bordbistro gerne bedient. Ich traue meinen Ohren nicht. Gerne? Soll das heißen, dass das Servicepersonal Spaß daran hat, mir einen Kaffee zu machen? Ich wage mein Glück kaum zu fassen. Wie kann ich nur so primitiv sein, zu denken, die Leute würden das nur machen, um Geld zu verdienen? Nein, also wirklich! Die haben sicher auch volles Verständnis dafür, dass ich nicht vorhabe, dort etwas zu kaufen, weil es 1. total überteuert ist und 2. ich es höchstwahrscheinlich ohnehin nicht essen werde, weil ich Veganer bin. Natürlich werden sie das verstehen. Sind ja alles Philanthropen bei der Bahn. Kaum vollende ich die letzte Zeile, kommt auch schon wieder die Durchsage, die mich mit der Tatsache vertraut machen will, dass wir „in Kürze Bonn Hauptbahnhof“ erreichen. Unbeeindruckt von meinem Widerwillen, hier umzusteigen, zählt der Zugbegleiter mir trotzdem sämtliche Möglichkeiten der Weiterfahrt auf. Ich könnte nicht behaupten, dass mir eine davon sonderlich zusagt.

Ein gewagter Blick un die Zeitschrift meiner ungefähr gleichaltrigen Sitznachbarin. Ich sehe Haare. Schwarz gefärbte, kreisrund angeordnete Haare. Und in der Mitte ist ein Kopf. Kann es sein?? Nein! Das ist doch nicht... Das wird doch nicht Bill sein? Der Säger Sänger von Tokio Hotel? Die gibt es immer noch? Ich war der Meinung, die wären irgendwann am Erfolg erstickt und in der Versenkung verschwunden! Oder aber, und das halte ich für wahrscheinlicher, meine Nachbarin liest eine Zeitschrift von vor drei Jahren.

Als nächstes gibt es Rehmagen. Ach nein, der nächste Halt ist Remagen. Sicher bin ich der erste, dem diese witzige Homophonie aufgefallen ist. Ist ja auch ein klasse Witz. Ein Witz mit Klasse. Ein Schenkelklopfer für Beinamputierte und Gehörlose.

Mein Sitznachbar auf der anderen Seite des Ganges erfreut sein klingelndes Handy, indem er den grünen Knopf drückt. Und erlöst damit den gesamten Waggon von einem Klingelton, der dermaßen fremdartig und außergewöhnlich klingt, dass er bestimmt den avantgardistischen, innovativen Namen „Rrring 2“ trägt. Der Zugbegleiter bittet mich, auf die Lautsprecheransagen in Remagen zu achten. Guter Mann, das kann ich gerne tun wenn ich etwas mehr Zeit habe, aber wenn ich schon nicht auf Ihren Rat höre und nicht in Bonn aussteige, dann werde ich doch kaum in Remagen aussteigen. Steht nicht auf der kleinen Anzeige über meinem Sitz deutlich genug „Düsseldorf – Mannheim“? Sehen Sie, deshalb werde ich auch erst kurz vor Mannheim wieder etwas frische Luft an die Sitzfläche des Sitzes lassen. Was nicht heißen soll, dass ich bisher nur Luft daran gelassen habe, die nicht frisch ist.

Ein älterer Herr, der gerade in einem Affenzahn über den Gang gedüst ist, betrachtet durch den Spalt zwischen zwei Sitzen skeptisch die zentralen Abschlussprüfungen im Fach Deutsch, die die Dame hinter ihm, häufig aus dem Fenster blickend, um den Anblick des durch Nebel unsichtbaren Rheintals zu genießen, mehr oder weniger gewissenhaft korrigiert.

Der lustige Zugbegleiter teilt mir mit, ich solle in Andernach nur auf der rechten Seite aussteigen. Beruhigend zu wissen, dass in den anderen Bahnhöfen der Ausstieg auf beiden Seiten möglich gewesen wäre.

Mir fällt linker Hand eine Burg ins Auge, schon stehen wir in Andernach. Die Andernacher sind so primitiv, dass man dort stets nur auf einer Seite des Zuges ein- und aussteigt. Außerdem stellen sie hier gekonnt ihre mathematischen Fähigkeiten unter Beweis. Wer weiter als bis 3 zählen kann, der weiß natürlich, dass nach der 3 selbstverständlich die 24 kommt. Zumindest in Andernach. Die vier Gleise in dem kleinen Bahnhof wurden von 1 bis 24 durchnummeriert, also 1, 2, 3, 24. Sicher soll damit der unglaubliche Boom veranschaulicht werden, den Andernach in den letzten Jahren erfahren hat. Frage einen Amerikaner nach deutschen Städten und er nennt Dir Berlin, Andernach, Hamburg, vielleicht noch Köln und München.

Wie beim Schreiben doch die Zeit vergeht: Schon bin ich in Koblenz. Damit dieser Beitrag nicht zu lang wird, werde ich jetzt eine Pause einlegen und erst irgendwo hinter Mainz wieder weiterschreiben.

Während es für Euch nur ein Zeilenwechsel war, ist für mich seit der letzten Zeile eine gute Stunde vergangen. Ein Mädchen im Vorschulalter spielt auf ihrem Nintendo DS. Im Gegensatz zu der verdorbenen Jugend lernt sie etwas dabei und unterscheidet lediglich zwischen „dem roten“ und „dem gelben Spiel“. In 15 Jahren wird sie nur noch „Die Sims 7“ oder „Need for Speed Revolution Counter“ kennen, den 28. Teil der Serie, bei dem nach „Need for Speed Turbo Charger“ und „Need for Speed Methanol Injection“ den Machern endgültig die Namen ausgegangen sind.

Der Schaffner bittet gutgläubig nur um die Fahrkarten jener, die in Mainz zugestiegen sind. Ihn würde keiner gerne belügen, nicht in sein zerknittertes, von der Freude an der Arbeit gezeichnetes Gesicht. Wie gesagt, alles Philanthropen bei der Bahn, vom Müllaufsammler mit Mindestlohn bis nach ganz oben, zum Planeten Mehdorn, zu dem ja in den letzten Monaten bedauerlicherweise die Funkverbindung abgerissen zu sein scheint – schade eigentlich.

„Mama, kann ich Nintendo spielen?“ Nein Balg, kannst Du nicht! Deine Mutter spielt gerade! „Mama, du bist fertig, darf ich jetzt wieder?“ – „Moment, nur noch ein Spiel“. Schön zu hören, dass die Sucht nach elektronischen Unterhaltungsgeräten nicht nur ein Jugendproblem ist. Leider steht die Mutter so im Bann von Nintendo, dass ihr völlig entgangen ist, dass ihre Kinder sich unterdessen darum prügeln, wer als nächstes spielen darf. Gut so, Mama! Deine Kinder lernen schon im frühen Kindesalter, wie man Entscheidungen fällt! Bewundernswert!

Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich in 20 Minuten meinen vorläufigen Zielbahnhof Mannheim erreicht haben werde. Deshalb werde ich jetzt den Stift niederlegen bzw. einpacken und freue mich schon, fünf Seiten handschriftlich verfassten Text abtippen und überarbeiten zu dürfen.

Wer hier noch liest, den entlasse ich zurück in die Umwelt. Und denke daran: Lächele ruhig zurück, wenn Dich ein Bahnmitarbeiter überschwänglich begrüßt, denn er hat Dich lieb und allesamt haben sie Riesenspaß an ihrer Arbeit!

Veröffentlicht am 13.05.2009 von Yann-Simon.

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