Die Leistungsgesellschaft definiert: Förderung und Geltung stehen dem zu, der diese in nützlichem Handeln vergeltet. Dabei kennt die Definition Gewinner und Verlierer. Es gewinnt der, der sich nutzen lässt. Es gewinnt der, der Prestige und bare Münze einbringt.
Es beginnt schon im Kindergarten. Förderung und Anerkennung konzentrieren sich auf den Kreis der Kinder, die besonders gut malen können oder die sportliches Talent haben. Ein typisches Statement ist hier Der kickt ja wie die Großen! Schon mal über einen Verein nachgedacht?
. Kinder die still mit sich selbst beschäftigt sind und vielleicht einen größeren Wortschatz haben als andere, werden mit Spott bedacht. Sie werden nicht verstanden oder sollen nicht verstanden werden, weil ihre Talente sind nicht unmittelbar ausschlachtbar. Hier gehen die Statemnts in eine andere Richtung. Albert Zweistein
, Neunmalkluger Professor
oder Sondelring
trifft es sie.
Um es überspitzt auszudrücken: Eine mit einem Fußball zerschossene Scheibe ist nur Kollateralschaden auf dem Weg zu Borussia Dortmund. Korrigiert aber ein Kind den falschen Gebrauch des Genitiv, heißt es hinter vorgehaltener Hand Der Junge nervt!
.
Wie so vieles stammt dieses Gefälle in der Wertigkeit von Fertigkeiten und Talenten aus den tausenden Jahren Menschheitsgeschichte. Klammert man das antike Athen und Rom aus, zählten bis zum Ende der Wirtschaftswunderzeit vor allem Körperliche Stärken. Jagen (Steinzeit), Kämpfen (Sparta), später Handwerk (Mittelalter), zu Hitlers Zeiten gestählte Körper, zäh wie leder und hart wie Kruppstahl
und noch später Ballkunst und Grazie beim Eiskunstlauf.
Erst um die Zeit, in der der Wiederaufbau abgeschlossen war, entdecke man auch diejenigen wieder, die man schon zwei Jahrtausende zuvor in Athen gefördert hatte: Musische, künstlerische und sprachliche Talente. Zumindest gibt es seitdem wieder ein wenig Beachtung für diejenigen. Wenn auch ungleich weniger.
Mit dem 21. Jahrhundert hat eine Zeitrechnung begonnen, die die alten Ideale der Leistungsgesellschaft ausgehebelt hat. Das Big Business wird im tertiären Sektor gemacht, den Dienstleistungen. Mit dem Schlagen der Takte im Prozessor werden nahezu alle Güter und Vermögenswerte bewegt. Computer halten die Welt am Laufen.
Der Lohn dafür ist gering. In Schulen können die jungen Computergenies den Rektoren gerne gestohlen bleiben. Von Windo
und Inta-Dingsbums
verstehen diese ja eh nicht besonders viel. Da wird aktuell lieber in Ideale des letzten Jahrhunderts investiert. Für die Musiktalente gibt es da Bläser- und Streicherklassen, finanziert aus Mitteln der Stadt und des Fördervereins, eigene Keyboardräume mit 20 Geräten werden eingerichtet und in allen zwei Musikräumen gibt es Parkett, einen Flügel und ein Schlagzeug. Wohlgemerkt: Für jeden einen.
Unterdessen sieht es in den Computerräumen anders aus: Auf den 200 Megahertz-Rechnern mit Windows 2000 lässt sich dank der verstopften Kugelmäuse und durch Magnetismus lila-eingefärbte CRT-Monitore nicht arbeiten. Wenn ein mal im halben Jahr einer der Lehrer von mehr als 10 Fächern als einzigster doch mal auf die Idee kommt, die Computer sinnvoll in den Unterricht zu integrieren, hängen 30 Teilnehmer an einer DSL-2000er Leitung.
Das Problem der Fehlförderung ist, dass Musikförderung auch nur musikalische Talente interessiert. Dafür gäbe es aber Musikschulen. Für ausufernden Schulsport gäbe es Vereine. Aber Computer-Kompetenz wird nur an wenigen Schulen vermittelt, obwohl für immer mehr Berufe zwingend notwendig, oder zumindest von Vorteil. Aber wie soll man mit teils nicht-sachkundigen Lehrern und minderwertiger Ausstattung die Schüler an den Computer gewöhnen, sie in der Benutzung schulen? Dabei wäre es bei vielen bitternötig.
Selbst wenn sich die Computerinteressierten zu Hause damit außeinandersetzen wollen, geht das nicht. Geh doch mal raus, ist so schönes Wetter!
oder Treib Sport, wie willst du sonst wer sein?
heißt es. Mehr als eine Stunde Computer am Tag und man ist ein Freak. Sich Programmiersprachen aneignen, dann ist man sogar ein Nerd. Und bei dieser Missachtung, nicht-Förderung und sogar Behinderung im Fröhnen des eigenen Hobbys und somit der Unterbindung von Persönlichkeits- und Talententfaltung wundern sich schockierte TV-Moderatoren noch darüber, dass 16-jährige eigene Computerviren konzipieren oder die Schulserver knacken?
Abgesehen mal davon: Sagen Sie in ihrem nächsten Bewerbungsgespräch doch einfach mal: Bitte keine Tätigkeit, die mit Computern zu tun hat. Oder antworten Sie auf die Frage nach ihren Office-Kenntnissen mal Die habe ich jetzt nicht vorzuweisen, aber wissen Sie, ich spiele Klavier und Geige.
. Sie werden überrascht sein...
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