Kenne deinen Nächsten wie dich selbst

Wenn der Mensch zuviel weiß, wird das lebensgefährlich. Das haben nicht erst die Kernphysiker erkannt, das wußte schon die Mafia., sagte einst Norman Mailer. Der Mensch hat ein ausgeprägtes Bedürfnis entwickelt, alles wissen zu wollen. Über Gott, die Welt und unseren Nächsten. Letzteres wird immer leichter, denn die personenbezogenen Datensammlungen wachsen in den letzten Jahren massiv an. Ob im Staat, in Unternehmen, oder im Privaten.


Schon am Anfang stand die Angst. Studien belegen: Hat der Mensch die Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit, wählt er die Sicherheit. Betritt ein Mensch ein Restaurant, sucht er sich immer den Platz mit dem Rücken zur Wand aus - so kann er alles überblicken und muss keine Gefahr von hinten fürchten.Was uns dabei leitet sind die uralten Instinkte, die der Mensch ursprünglich auf der Jagd brauchte.

Einst hatte der Mensch Angst vor wilden Tieren, die unser Leben bedrohten. Die Ängste haben sich in der modernen Gesellschaft gewandelt. Vor Raubtieren muss sich in der zivilisierten Welt keiner mehr fürchten. Wenn man einmal von den Raubtieren als Metapher für die menschliche Gier absieht. Eine der modernen Ängste ist beispielsweise die Angst vor Terrorismus. Eine Angst, die wohl durch systematische Übertreibung geschürt wird. Terroranschläge sind für weniger Schicksalschläge verantwortlich als Alkohol am Steuer oder die Abzocke von Kreditnehmern. Diese Ängste können allerdings nicht so leicht instrumentalisiert werden.

Die wirkliche Hysterie beginnt mit dem 11. September 2001. Was folgte waren nicht nur zweifelhafte militärische Interventionen. Was folgte war der Ausbau der Überwachung der Bürger durch den Staat. Denn Wissen reduziert Unsicherheit. Je mehr man über einen Bürger weiß, desto eher kann man sein Verhalten vorhersagen. Ist doch eine klasse Sache, wenn man anhand des Lebenslaufes einen ehrenhaften Bürger vom Terroristen unterscheiden kann.

Und so kommt es nicht verwunderlich, dass Staaten aus allen Teilen der Welt immer mehr Daten sammeln. Wie erst jetzt bekannt geworden ist, sind nach dem 11. September sind millionenfach Kundendaten der Deutschen Telekom an das BKA weitergereicht worden. Um Schläfer in Deutschland zu enttarnen.

Doch wie hoch ist der Preis der Sicherheit? Den Quasi-Verteidigungsfall, der das Abschießen gekaperter Flugzeuge ermöglichen sollte, den haben wir zum Glück doch nicht im Grundgesetz stehen. Vieles andere schon - Massendatenspeicherung von E-Mails und Telefonverbindungen. Die Vorratsdatenspeicherung. Andere Staaten wie England möchte jetzt sogar weiter gehen und Instant Messanger à la ICQ, WLM sowie Skype überwachen lassen.

Um die moderne Art, mit der Waffe hinter dem Fließbandarbeiter zu stehen, geht es bei den vielen vielen bekanntgewordenen Datenaffären von Unternehmen seit 2008. Am 26. März 2008 wird bekannt, dass Lidl mithilfe von Detektiven private Telefongespräche und deren Arbeitsweise (wer geht wie oft auf Toilette, wie werden die Regale eingeräumt, ...) überwachen ließ. Am 9. Juni 2008 wird offenbart: Siemens ließ Betriebsräte bespitzeln. Am 11. Oktober selben Jahres: Sicherheitslücken im Telekom-Netzwerk erlaubten es, Millionen Kundendaten auszulesen und zu manipulieren. Um die Telekom wird außerdem bekannt, dass tausende Kundendaten durch Unbekannte verkauft wurden - u.a. Telefonnummern von Günther Jauch und anderen Prominenten. Man ergänze: In den Jahren 2005 und 2006 hatten Verbindungen mit Journalisten im Fokus gestanden, man überwachte Gespräche um Lecks interner Kommunikation zu schließen. Weitere Fälle: Bei der Deutsche Bahn hatte man es 1998, 2002 und 2003 auch nicht so mit dem Datenschutz - bekannt geworden ist das im Jahr 2009. Dann wäre da noch der Fall Airbus, bekannt geworden am 2. April 2009. Und Tags darauf im Spiegel konnte man schon wieder den Kopf schütteln: Lidl legte interne Krankenakten an, nachdem der Konzern nach den Enthüllungen von 2008 Besserung gelobt hatte.

Die Frage ist nur, wann die Massendatenspeicher über die Kommunikation per eMail und Telefon mal angezapft werden und man diese Daten dann um Social-Network (StudiVZ, facebook, MySpace,...) Profile ergänzt. Bald wird der Bürger nicht gläsern, er wird eine öffentliche Bibliothek. Von der Geburt bis zum letzten Atemzug wird ja schon eh alles erfasst - in Urkunden, in Krankenakten, in Bild- und Ton. Auf der Arbeit wird seine Arbeitsmoral überwacht und seine Verbindungen mit Journalisten erfasst. Im öffentlichen Raum seine Bewegungen mit Kameras verfolgt und seine Kommunikation privat zur Vorsicht mal protokolliert. Fingerabdruck im Pass - vielleicht aber auch nicht. Jede Aktion, die in irgendeiner Form über das Denken hinausgeht kann erfasst, gespeichert und ausgewertet werden. Kann, nicht muss. An der Zahl der bereits bekannten Datenaffären, teils mehrfach bei nur einem Konzern und den durch Schäuble initiierten Maßnahmen ist die Wahrschienlichkeit groß, täglich hunderte von Spuren zu hinterlassen. Jede physische Aktivität wird in Nullen und Einsen gegossen, auf irgendwelchen Servern.

Und diese Server? Wie sicher sind sie? Gut, die Sicherheitsmaßnahmen dürften umfassemd sein. Aber wie kommt es, dass auch diese immer wieder geknackt werden? Selbst die besten Sicherheitsvorkehrungen helfen nicht immer. Sie konnten weder einen britischen Autisten, noch chinesische Spione an erfolgreichen Hackerangriffen hindern.

Und über den Privatbereich sollten wir erst gar nicht reden. Was passiert mit gesammelten Daten durch Spyware-Clients? Und dann gibt es da noch den einen Mächtigen, vor dem die Bundesdeutschen auch Angst haben: Google. Mehr als 95% der Deutschen Internetuser nutzen Google trotzdem. Dazu kommen User aus aller Welt, Nutzer von Chrome, Nutzer von Android, Nutzer von YouTube, Seiten die mit AdSense werben. Wie viele dieser Daten nutzt Google tatsächlich, um Personenprofile zu erstellen. Das weiß keiner so genau.

Im Web 2.0 senden wir selbst unnötig viele persönliche Daten ins Netz. Und der Content kann nur wachsen. Unsere Profile liegen überall. Daten in Form von Profilen, in Form von Gruppenzugehörigkeiten, in Form von Videos und Bildern. Das freut die Arbeitgeber und die Datensammler (manchmal ja auch in einer Person vereint). Wir selber geben von uns noch so unwichtige Banalitäten vor einem Millionenpublikum preis - angefangen bei unserem Musikgeschmack über unsere Lieblings-Limonade, über das was wir hassen und mögen, über unsere Freundschaften und Freundesfreundschaften (wie Daniel Aminati sie im TV bewirbt) bis hin zu unseren Ticks (Fetischismus, sich Ritzen und so weiter und sofort).

Was bleibt? Der Bürger ist ein offenes Buch. Schon der, der nur über ein einziges Telefon ohne Internetanschluss, nicht über ein Handy verfügt und sonst sich kaum öffentlich bewegt - schon der ist ein offenes Buch. Die, die auch nur halbwegs modern leben, sind eine ganze öffentliche Bibliothek - und die ganze Welt hat einen Bibliotheksausweis. Und die Bücher, die es nur unter der Hand beim dubiosen Bibliothekar gibt, an die kommt dann ausgerechnet derjenige, den es nicht zu interessieren hat. Und das Problem: Die Bibliothek will wachsen - und sie tut es, durch unser Zutun oder auch ohne unsere Erlaubnis.

Veröffentlicht am 04.04.2009 von Raphael.

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