Auf „die Großkopferten“ zu schimpfen, ist in letzter Zeit richtig in Mode gekommen. Vielleicht, weil sich dazu in letzter Zeit eine Menge Gelegenheiten bieten, vielleicht aber auch, weil es einfach ist - einfacher, als diejenigen zu tadeln, die einem näher stehen.
Dabei gäbe es auch hierzu genügend Anlässe...
Die Empörung war groß, als vor einem Monat das Urteil gegen den ehemaligen Postchef Klaus Zumwinkel verkündet wurde: Nur eine Bewährungsstrafe, kein Gefängnis - und das, obwohl er wohl mehrere Millionen Euro an Steuern hinterzogen hat. Schnell war die Rede von einem „Abgekarteten Spiel“, einer Justizpanne und überhaupt war es ja mal wieder klar:
Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.
— aber, stimmt das wirklich?
Der zweite Teil? Klar, sieht man ja, die Großen laufen doch alle noch frei herum, sogar die Manager von Hypo Real Estate sind noch auf freiem Fuß - und die müssten nun wirklich schon längst hängen. Aber, wie ist das mit dem ersten Teil? Hängt man die Kleinen wirklich? Wenn ja, dann sollte eigentlich ein Drittel der Deutschen hängen, respektive sitzen. Denn laut einer neuen Studie beschäftigt jeder dritte Deutsche Schwarzarbeiter – hinterzieht also Steuern, müssten folglich längst hinter schwedischen Gardinen sitzen – was jedoch, ganz offensichtlich, nicht der Fall ist.
Eigentlich müsste man doch jetzt erwarten dürfen, dass ein Aufschrei durch Deutschland geht, überall von einem Versagen der Kontrollbehörden gesprochen wird und – natürlich – härtere Strafen gefordert werden. Aber, nichts von all dem ist der Fall. Die Medien streifen das Thema (wenn überhaupt) nur kurz und wenden sich sofort wieder wichtigeren Themen, wie einer entlassenen Kassiererin in Berlin oder der Oscarverleihung zu. Und aus der Politik gibt es überhaupt keine nennenswerten Reaktionen.
Seltsam ist das – offenbar gibt es hier einen großen Unterschied zwischen „einem Steuerhinterzieher“ und „vielen Steuerhinterzieher“. Wenn es nämlich nur einer ist, dann kann man prima auf ihm herumhacken, ihm sein Fehlverhalten wochenlang um die Ohren hauen und ihn als den Universalsündenbock hinstellen. Wenn es dagegen viele sind, dann sieht die Sache selbstredend ganz anders aus – schließlich sind auch Steuerhinterzieher Wähler.
Erschwerend kommt noch hinzu, dass das Beschäftigen von Schwarzarbeitern (im Gegensatz zum Steuersparen in Lichtenstein) gesellschaftlich völlig akzeptiert zu sein scheint: Als Schwarzarbeit vor ein paar Tagen das Thema im Hörerforum „Tagesgespräch“ war (Podcast), empfanden es fast alle Anrufer als vollkommen in Ordnung, wenn ein Handwerker mal „ohne Rechnung“ arbeitet oder man dem Finanzamt die ein oder andere Einkommensquelle verschweigt. Häufig mit dem Argument, dass die Steuern sowieso viel zu hoch seien und der Staat außerdem eh nicht mit dem Geld umgehen könne. Sieht man ja, wie der jetzt den Banken das Geld hinterher schmeißt, und überhaupt…
Was viele dabei offenbar völlig vergessen, ist, dass wir schon lange nicht mehr im Absolutismus leben, sondern vielmehr in einer Demokratie. Und das heißt vor allem, dass der Staat nicht mehr irgendein abgehobener und nur um sein eigenes Wohl besorgter Monarch ist, sondern vielmehr das Volk der Staat ist. Wer also den Staat betrügt, betrügt seine Mitbürger, oder genauer diejenigen, die ihre Steuern ehrlich zahlen. Denn von denen holt sich der Staat das Geld, das er zu wenig bekommt, einfach über noch höhere Steuern.
Oder, was noch wahrscheinlicher ist, der Staat macht einfach noch mehr Schulden und bürdet deren Rückzahlung einer fernen nächsten Generation auf.
Na, da danke ich aber – da ist mir ja der Zumwinkel noch lieber. Denn der hat mittlerweile all seine Steuerschulden plus eine weitere Million Strafe zurückgezahlt und, vor allem: Er hat mittlerweile eingesehen, dass das
der größte [...] Fehler
seines Lebens war.