Jeder weiß, worum es sich bei einer Definition handelt. Ein Wort, eine Vorgehensweise oder einfach irgendein Ding wird möglichst genau beschrieben, um die Bedeutung der Sache zu präzisieren und das Verständnis zu fördern. Wenn man irgendjemandem etwas erklären will ist es also meist sehr hilfreich, gute Definitionen zur Hand zu haben. Doch in welch enormen Ausmaß sie unser komplettes Leben bestimmen ist den Wenigsten bewusst.
Vor einiger Zeit war ich auf einem überaus interessanten Vortrag von Herrn Dr. Radtke, zur Frage „Brauchen wir ein neues Menschenbild?“. In der nachfolgenden Podiumsdiskussion hat eine Frau, welche Altenpflegerin ist, immer die Definitionen beprangert, die im Gesetz zu dieser Thematik verankert sind. Es hörte sich gar so an, als wolle sie Definitionen ganz allgemein abschaffen. Hier muss ich aber sagen ist extreme Vorsicht angebracht, denn ohne Definitionen würde absolut alles zusammenbrechen. Mir ist klar, dass sie es sicherlich nicht so gemeint hat, dass man Definitionen komplett abschaffen sollte aber es hörte sich für mich so an und ich befinde es als eine Notwendigkeit ein wenig genauer darauf einzugehen.
Auch wage ich zu bezweifeln, dass sie sich darüber im Klaren war, was für eine unglaublich tragende Rolle Definitionen in unserer gesamten Existenz haben. Sie regeln einfach alles. Definitionen sind es nämlich, die es uns überhaupt erst ermöglichen, unsere Umwelt halbwegs zu erfassen und zu begreifen.
Ein einfaches Beispiel: Wohl jeder wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass ein Baum, wie beispielsweise eine Buche, im Sommer grüne Blätter hat. Und jetzt die alles entscheidende Frage: Wer kann mir auch tatsächlich beweisen, dass der Baum grüne Blätter hat? Die Antwort ist klar: Niemand. Denn der Eindruck, der grünen Blätter wird zuerst einmal über die Augen, also das Sinnesorgan aufgenommen. Hier haben wir die erste Instanz, die das tatsächlich vorhandene verfälscht und subjektiv macht.
Nun wird der Sinneseindruck in elektrische Nervenimpulse umgewandelt, die über die Nervenbahnen ins ZNS, Zentrale Nervensystem also das Gehirn, geleitet werden. Somit haben wir den zweiten Vorgang, der die Realität womöglich verzerrt.
Zu guter letzt haben wir das, bereits erwähnte, Gehirn selbst. Es nimmt den, durch die Nervenbahnen verfälschten Impuls, der von dem fehlbaren Sinnesorgan Auge aufgenommen wurde und wandelt ihn nochmals in das um, was wir dann tatsächlich glauben zu sehen.
Dieses, relativ simple Beispiel, zeigt wiederum, dass das, was wir glauben wahrzunehmen um mindestens 300% verfälscht und damit alles andere als objektiv ist. Sprich: Objektivität ist eine Illusion und mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln niemals zu erreichen. Das, was wir dann letztendlich sehen ist nichts weiter als eine Interpretation dessen, was tatsächlich existiert. Eine Definition.
Natürlich ist es keine sehr reizvolle Vorstellung, dass alles um uns herum nur ein Streich unserer Sinne ist. Mehr als verständlich also, wenn man sich weigert dies zu glauben. Aber seien wir mal einen lang Augenblick ehrlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mensch, als ein Wesen, welches im Grunde nichts anderes kann als Destruktion zu verbreiten, unter allen Lebensformen diejenige ist, welche die Wirklichkeit zu erfassen vermag ist meiner Meinung nach gleich 0. Daher rührt, denke ich, auch der Satz „Ich weis, dass ich nichts weis.“. Ohja, ich habe lange gebraucht, um die Bedeutung dieses Satzes zu begreifen. Lange Zeit glaubte ich, ihn zu verstehen, bis mir seine, meine Meinung nach, tatsächliche Bedeutung plötzlich einleuchtete. Nämlich die Erkenntnis, dass alles, was wir zu wissen glauben nichts weiter als ein verfälscht-verschwommenes Bild dessen ist, was man gemeinhin als „Realität“ bezeichnet.
Was aber, wenn der Mensch nun versucht, Dinge zu erfassen, die uns wesentlich komplexer erscheinen, als die Farbe eines Blattes wie eben „Gibt es Gott/Götter?“, „Wann darf Sterbehilfe geleistet werden?“ oder „Wann untergräbt ein Menschenbild die Würde des Einzelnen?“ Nun … wenn wir schon bei so grundlegenden Aussagen wie der, dass ein Blatt grün ist fehlbar sind so kann keine von Menschenhand geschaffene Definition wahrhaftig sein. Hierbei gilt folgendes: Der Mensch ist kein Wesen, das erkennt. Der Mensch ist ein Schöpfer. Er erschafft Definitionen für Dinge, die ihn umgeben und wichtig erscheinen und baut so sein ganz persönliches, wackeliges Kartenhäuschen. In unserer speziesinternen Evolution hat sich ein Verständnis der Umwelt herauskristallisiert, welches folglich ausschließlich aus subjektiven Definitionen besteht. Sie sind die einzelnen Karten, aus denen das Haus gebaut ist. Eine Definition in Frage zu stellen bedeutet also, im selben Atemzug einen Orkan auf das perfide und empfindliche Kartenhaus, das wir Menschen uns über jahrtausende hinweg aufgebaut haben, loszulassen Würde es einstürzen, hätte das zur Folge, dass absolut alles, woran wir uns so verzweifelt klammern einfach zusammenbrechen würde. Mit anderen Worten: Der Mensch wäre augenblicklich lebensunfähig.
Selbst wenn der Mensch in der Lage wäre den Verlust all seiner Definitionen zu verkraften wäre er dazu gezwungen sich neue einfallen zu lassen um bestehen zu können. Bei der Gestaltung der neuen Kärtchen würden logischerweise individuelle Differenzen auftreten, die in totale Anarchie mit Krieg, Streit und allem, was dazu gehört auswarten würden. Das passiert zwar jetzt auch schon immer wieder, wenn einzelne Definitionen, darunter fallen natürlich auch Werte, Normen, Glaubensgrundsätze, ect., angezweifelt werden aber allgemein gültige Karten, auf denen beispielsweise geschrieben steht „Bäume haben im Sommer grüne Blätter“ grenzen den Brandherd zumindest ein klein wenig ein, sodass im Grunde nur noch über Dinge gestritten wir, die man nicht als endgültig erachtet. Dennoch kann man sich jetzt so ungefähr das Chaos ausmalen, dass der Verlust aller Definitionen nach sich ziehen würde, wenn das Rütteln an einzelnen oft schon gewaltige Konflikte heraufbeschwört.
Allerdings muss man dazu auch sagen, dass es wohl niemals vorkommen wir, dass das gesamte Kartenhaus auf einmal umgeschmissen wird. Sehr wohl aber kommt es oft genug vor, dass an einzelnen Karten gerüttelt und über sie debattiert wird, wie eben in der Podiumsdiskussion über das Menschenbild. Doch muss, und ich habe es bereits anklingen lassen, wo eine Karte weicht, eine neue diese Lücke füllen, da ansonsten unser Kartenhaus der Wirklichkeit instabil wird. Man könnte das auch als eine Art Axiom bezeichnen. Um wieder die Kurve zum eigentlichen Thema zu kriegen: Wenn wir ein Menschenbild, sprich eine Definition, oder was auch immer in Frage stellen müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass eine neue Definition, im Beispiel ein neues Menschenbild, den Platz der alten einnehmen muss. Ebenso müssen wir uns gewahr werden, dass in solchen komplexen Angelegenheiten niemals, und ich wiederhol mich ungern aber ich machs' trotzdem, niemals, niemals, niemals, eine einheitliche, für alle zufrieden stellende, Lösung kreiert werden kann. Denn da kommt uns etwas ganz entscheidendes in die Quere. Man kann es als Segen, Fluch oder als das Hauptproblem, mit dem die Menschheit seit ihrer Entstehung kämpft, bezeichnen. Der Individualität.
Solange die Menschen, bis zu einem gewissen Grad, individuell sind, kann keine endgültige Lösung gefunden werden und zwar im Bezug auf alles. Ja, auch im Bezug auf die Farbe des Buchenblattes. Wenn man allen anderen die eigene Theorie aufzwingen würde, wären wir ganz schnell wieder in einer Art Nationalsozialismus oder anderen immer noch bestehenden, ähnlichen Systemen (ohne dass wir uns deren Existenz wirklich bewusst sind), in denen ein einziger Mensch die Definitionen vorgibt und alle anderen sie schlucken. Und selbst dann gäbe es, wie immer und überall, Menschen, die gegen die gängigen Definitionen aufbegehren. Ich wage sogar zu behaupten, dass man nicht mal eine Mehrheit zufrieden stellen kann, solange man ihren Willen nicht bricht oder sie sonst wie gefügig macht. Denn umso mehr Menschen man mit einbezieht, umso mehr Widersprüche in persönlichen Einstellungen werden sich auftun.
Zusammenfassend kann man sagen: Der Mensch lebt mit und, in erster Linie, von Definitionen. Wie die im konkreten aussehen unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Eine einheitliche Lösung ist ausgeschlossen und so baut jeder sein ganz eigenes, buntes Kartenhäuschen.
Schlagworte: Definition • Einbildung • Menschenbild • Subjektivität