Ruhm und Rühmung im Web 2.0

Mit dem Web 2.0 meint man allgemein das sogenannte mitmach-Internet. Videoportale wie YouTube, Newsportale wie Digg, und eben die sozialen Netzwerke wie Facebook, Studi/SchuelerVZ und Fotowebsites à la Flickr. Und es gibt anscheinend keine Idee, die nicht bescheuert genug wäre sie umzusetzen. Doch das soll heute gar nicht kritisiert werden denn ihre Macher sind wenigstens ausgefuchste Geschäftemacher. Bedenklich ist nur, wie diese Errugenschaften genutzt werden, von wem, und weshalb. Anscheinend ist man sich im scheidenden Jahr 2008 für wirklich nichts mehr zu schade...


An Big Brother hat man sich ja inzwischen gewöhnt. Voyeurismus inszeniert vor einem Millionenpublikum, schamlose Selbstausbeutung und zweifelhafte Selbstdarstellung für den großen Reibach und zweifelhaften Ruhm. Auch die sogenannte Doku-Soaps, wobei man das Doku durchaus durch Gaffer ersetzen könnte sind inzwischen im Mainstream angekommen. Und ich gebe zu: Auch ich schaue gerne in die Imbissbuden dieses Landes herein, oder in die XXL Restaurants, Speditionsfirmen, Friseurläden und wessen Alltag sonst noch so beleuchtet wird.

Doch kein Medium schafft es wie das Internet, dem noch einen gehörigen Batzen draufzusetzen. Das Web 2.0 ist allwissend! Hier kann jeder Privatmann seine ganz persönlichen Fehltritte, Ticks und Komplexe für Selbstdarstellung nutzen. Ich weiß inzwischen gar nicht mehr ob das Ganze nur mit reiner Gier nach Anerkennung, maßloser Selbstüberschätzung oder dem gänzlichen Verlust des Verstandes zu begründen ist, was ich so täglich vorfinde.

Ein besonders gutes Mittel sind da etwa die Gruppen in sozialen Netzwerken, die jeder gründen kann, damit sich Gleichgesinnte dort solidarisieren können. Ich halte das für eine super Idee, nein echt jetzt. So kann man eigene Lobbys schaffen, eigene kleinste Subforen für eine Gruppe von Individuen. Deswegen sind auch Gruppen wie Der VW-Vento Club, Ich gucke DominoDay, Nokia - ohne Bochum ohne uns und andere eine super Sache.

Es gibt da aber durchaus auch Gruppen, deren Gründunsidee nicht einmal im schmierigsten Käseblatt, dem abgegriffensten TV-Format oder im Hirn von Batmans Gegenspielern zu finden gewesen wäre. Ein gutes Beispiel etwa sind Ich rauche meine Kippe bis zum bitteren Ende, Tod und Hass dem S04, Wenn ich 18 bin durchlöchere ich mich gnadenlos oder Chillen ist auch Sport. Es gibt da noch einige wesentlich schlimmere Vertreter und ich weiß nicht, welche Hirne auf solche Ideen kommen. Die Mitgliederzahlen zeigen aber: Es müssen hunderttausende von Wahnsinnigen sein!

Besser ist da eigentlich nur noch das Phänomen der Selbstvermarktung, Zurschaustellung, Anpassung an Stereotypen und die Heroisierung seiner selbst. Unter endgeilen Nicks performen die Members der COM. Übelst krass auf Pics, mal mit ner Pulle im Rachen, mal gleich mit dem ganzen Eimer Sangria, gerne auch mit nem Johhny oder dem Schlagring mit Totenköpfen. Als Bildtitel findet man erstaunlicherweise eigentlich immer that's me, ich oder der checker lol.

Am bemerkenswertesten ist dann, wie viele dutzend verlinkter Freunde aus der Profilseite in den Kommis beipflichten, wie megakrass, hart und abgezockt ihre KollegaZ doch seien. Klickt man dann auf deren Profilseiten findet man dieselben Buben als Freunde, dieselben Gruppenzugehörigkeiten, dieselben Fotos nur mit anderem Face und dieselben KommentZ. Die Krönung der Selbstdarstellung sind dann Shootings mit der geilen Bitch alias Freundin, wo man sich möglichst Wirksam vor der Kamera intim zeigt; ganz gleich wer den Mist dann tatsächlich auch noch sehen will. Paris Hilton oder Britney Spears sind dagegen doch Kleinkinder!

Perfektioniert wird das Image einer völlig kaputten Person mit Fotos mit Sonnenbrille, Fotos vom heftigem Bling-Bling Krams, dem schnibbidischnapp Kehle-durch Messer, bang bang Album des neuesten Gangstah Rappers und Kommentaren wie morgen vor dem Vorglühen erstmal mit Voddi vorglühen oder wie geil das war als die olle bitch den Boden vollgereiert hat.

Die wirkliche Funktion des Web 2.0, die eigentlich eine Menge für sich hat, bleibt da gänzlich außen vor. Das ist nämlich nicht dazu gedacht, sich selbst wie bei Big Brother auszubeuten, und das noch als Teenager, sondern als tatsächlicher Kommunikations-, kennenlern- und Spaßfaktor. Was beim sogenannten dissen, performen und checken noch von dieser Idee übrig bleibt vermag ich jedenfalls nicht zu erkennen. Es ist bei der aktuellen Jugendkultur aber wohl nur ein Fragment des ganzheitlichen Verdummungsprozesses...

Veröffentlicht am 21.12.2008 von Raphael.

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Kommentare

Kaddi schrieb am 21.12.2008, 22:11 ( #1 )
Ich kann Dir nur beipflichten... ich sag nur jappy... und ich finde gerade da das Verars... und das Gemobbe sehr grenzwertig... wobei wir wohl so oder so nicht von Wert sprechen sollten. Kaddi
Stefan G. schrieb am 29.12.2008, 13:59 ( #2 )
Ja, hat was Wahres.
IMO ist v.a. bei den sozialen Netzwerken wie zB Netlog einfach eine ungemein grosse Selbstdarstellungssucht dahinter. Jedes 2. Foto von sich, in geiler Pose, jeder Kommentar swiiiit boiii oder gailer shuss.
und dann gibts da noch die gigantischen Ausläufer pubertärer Pseudo-Minderwertigkeitskomplexen. "Das Leben ist scheisse", "nur einen Schnitt davon entfernt; alles vorbei", "ohne dich würd ich mich stürzen". Liebe, Kummer und Entdeckung seiner selbst macht das Ganze nicht einfacher und dem wird dann in solchen Netzwerken Ausdruck verliehen.

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