Sinn und Unsinn des Überspringens einer Klasse: Teil 4

Teil 4 der Serie über den Sinn und Unsinn des Überspringens einer Schulklasse.


Zwischen dem Überspringen einer Klasse und dem Turbuabitur ("G8" oder auch "Abi mit 12 Jahren" genannt) gibt es erschreckende Parallelen. Nach Einführung des verkürzten Abturs uberschlugen sich die deutschen Leitmedien mit berichten überlasteter Schüler und verzweifelter Eltern. Gleicher Arbeitsaufwand ist es natürlich, wenn man eine Klasse überspringt - in beiden Fällen entfällt 1 Jahr. Dazu lesen sie folgende Berichte:

Abitur mit 14 - "Wunderkind"? Das kann jeder (STERN):

Der Artikel berichtet von einem hochbegabten Mädchen, dass mit 6 Jahren in die 3. Klasse eingeschult wurde. Ihr fast schon obligatorisches Einser-Abitur machte sie mit 14 Jahren. Anschließend wollte sie auf eine Eliteuniversität, doch...

G8 Reform- Die Turbo Schule ist quatsch (STERN):

Doris Schröder-Köpf und Reinhold Beckmann, beides anerkannte Größen im politischen Dialog, beklagen in einem Gespräch mit dem Stern die enorme Belastung, der Eltern und Kinder in der heutigen Schule ausgesetzt sind. Überlegen sie gut, ob sie diese Belastung unnötigerweise herbeibeschwören wollen

Stressjob Schüler- Wir Turboabiturienten (SPIEGEL):

Freunde? Hobbys? Ausland? Keine Zeit. Für Marthe Deutschmann, 16, müsste jeder Tag ein paar Stunden mehr haben. Die Hamburgerin ist eine der ersten Schülerinnen, die das Abi in 12 Jahren macht. Ihr Urteil: Das Turbo-Abi nervt.

Warum aber sollte man sich also den Ärger aufhalsen, den die Turbo Abiturienten auf sich nehmen müssen. Bei den jetzigen Schülern, die ihr Abitur in 12 statt in 13 Jahren machen, ist der Lehrplan wenigstens auf die verkürzte Lerndauer abgestimmt. Bei Überspringern ist er das nicht. 1 Jahr Stoff aufzuholen, in einem Lehrplan der darauf nicht abgestimmt ist. Denke da mal drüber nach...

Abschluss

Unser Leben besteht aus einer Vielzahl von Entscheidungen. Je nachdem, welche Entscheidungen wir treffen, verläuft unser Leben. Die einen sind rational, die anderen weniger. Wir alle wünschen uns für uns selbst und für unsere Kinder die richtigen Entscheidungen. Das Überspringen einer Klasse ist etwa eine solche Entscheidung.

Manche geblendete Menschen mögen behaupten, es gebe bei Entscheidungen weder richtig, noch falsch. Natürlich gibt es falsche und richtige Entscheidungen! Entscheidungen kann man fast immer in richtig und falsch einteilen. Nur hängt richtig und falsch vom Standpunkt des Betrachters ab. Die Thematik verschärft sich gerade Richtung Oberstufe. Das habe ich belegt. Richtig und Falsch hängt hier, beim Überspringen also von dem Standpunkt ab. Aber kein Standpunkt kann diesen Abschnitt ausräumen:

Jemand, der von Klasse 10 zu 11 Überspringt, dem mangelt es ganz einfach wie schon beim einfachsten Fall, dem Primarstufler, an körperlicher Entwicklung. Dazu musste ich mir zuletzt eine sehr bornierte Aussage anhören:

„Wieso, mit 16 müsste man auch im Sportunterricht der Klasse 11 mitmachen können!“

Solcher Dummschwätz! Mit körperlicher Entwicklung ist nahezu alles menschen-typische gemeint; alles, nach dem wir beurteilt werden: Der erste Eindruck sozusagen. Körpergröße, Muskelaufbau, Hirnentwicklung. Der Körperbau ist direktes Mittel der Körpersprache. Die Bedeutung der Körpersprache ist beim intelligenten Menschen eindeutig unterschätzt worden. Es ist unverkennbar, welche körperliche Entwicklung jemand in einem Jahr zurücklegt. Respekt von Anderen ist nicht zuletzt durch derartige körperliche Faktoren bedingt.

Aber auch die geistige Entwicklung ist zurück. Gegenüber den Anderen. Der Unterrichtsstoff ist wie schon in der Grundschule trivial. Natürlich ist es unwichtig, was Dürrenmatt für Werke geschrieben hat. Wen interessieren Logarithmen? Wofür brauche ich Kernphysik?

Aber dahinter stehen vielfältige Verfahren und pädagogische Methoden. Selbstständige Recherche. Auseinandersetzung mit Gruppenarbeit und Gruppenmitgliedern. Dass ist einer der Punkte, der den Genies die meisten Probleme bereitet. Sie sind die perfekten Individualisten. Sie können alleine effizient und schnell arbeiten. Aber darauf kommt es im Leben nicht an.

Außerdem dienen Thematiken im Unterricht oft einfach der Diskussion. Ich hab einige Leute gesehen, die ihre Meinung überhaupt nicht ausdrücken konnten wenn es um eine mündliche Argumentation ging. Sie konnten den Argumenten der schlechtesten Schüler nicht widerstand leisten - sie können dies nur verschriftlichen, aber nicht ververbalisieren.

Zur geistigen Entwicklung zählen wie schon beim Grundschüler die Erlebnisse und Erfahrungswerte, die einzig und allein durch das Alter kommen. Diese Werte, die sich unter dem Begriff Weisheit zusammenfassen lassen sind elementar für den Unterricht. 1 Jahr weniger Erfahrung stellt ein erhebliches Defizit dar.

Schule soll vor allem auf das Studium oder einen Beruf vorbereiten. Zum Berufs und Studentenleben zählen Stress, unangenehme Situationen, Problemlösung u.v.m. Jemand der von Klasse 10 zu Klasse 11 überspringt, verpasst damit die zentralen Abschlussprüfungen der 10. Er hat außerdem kein Zeugnis der 10-2. Sie haben außerdem das Schulbetriebspraktikum übersprungen. Es würde mich wundern, wenn dieses nachgeholt wird. Falls doch, schimpfe man kurz mit mir.

Jedenfalls haben die Überspringer damit wichtige Schritte ins Berufsleben bzw. zur Universität übergangen. Im festen Glauben an die Hochbegabung und die eigene Klugheit haben sie sich damit vom Erfolg in der 11-2 abhängig gemacht. Lehrer, Eltern und Schüler haben alles auf ein späteres Studium ausgerichtet.

Denn ohne Zeugnis der 10-2 keine Bewerbung. Mit dem Schulbetriebspraktikum fehlen den Überspringern Erfahrungswerte für ein Berufsleben. Das Überspringen ist folglich ein wortwörtlicher Sprung ins Dunkle. Viele wissen zwar gar nicht, was sie studieren wollen oder welchen Beruf sie ausüben wollen, aber sie verkürzen ihre Bedenk-, ihre Lehrzeit; ihre Zeit zur Selbstfindung um 1 Jahr. Ohne einen genauen Plan.

Die Schule ist Instrument zur Selbstfindung. Was wollt ihr später machen? Wohin soll es gehen? Welche Werte sind dir persönlich wichtig? Es ist wichtiger zu wissen, was man machen will, was einen interessiert, als sich im Unterricht nicht zu langweilen. Was nützt ein 1er Abitur mit 18 anstatt mit 19, wenn man nicht weiß, was man machen will?

Ein Beruf und auch ein Studium erfordert noch ganz andere Sachen als die Schule. Man braucht PC Kenntnisse (u.a. MS Office, Kenntnis von Betriebssystemen,...); man braucht einfach diese Erfahrung. Man braucht Stärke und Durchsetzungsvermögen. Dazu ist Gruppenarbeit gut. Dafür die Diskussionen in der Schule. Man braucht eine enorme Selbstständigkeit. Recherchen, Vorträge, derartige Dissertation wie sie sie gerade vor sich finden, Planung, Gerissenheit und auch einen gewissen "Arschloch-Faktor". Das klingt zuerst wenig plausibel. Aber im Leben wird einem nichts, aber auch gar nichts geschenkt. Außer in der Schule.

Die Schule macht so viele Zugeständnisse, Sonderregelungen. Im wahren Leben, und das fängt nach Klasse 13 an, muss man auch einfach mal Arschloch sein. Sich nicht unterkriegen lassen. Andere Leute auflaufen lassen, ihre Arbeiten in den Dreck ziehen, sie kritisieren und aggressiv Diskutieren. Niemand wird für dich, für sie oder für mich eine Sonderregelung auf der Uni oder im Job treffen, wie sie das Überspringen darstellt. Nach Klasse 13 heißt es ganz einfach friss oder stirb. Kein Krankfeiern mehr, weil es ja so langweilig ist. Aufgaben werden gemacht, egal wie trivial sie uns erscheinen. Man muss morgens einfach zur Arbeit oder zu Vorträgen erschienen. Sie werden sich auf ganz intensive Weise mit anderen Menschen auseinandersetzen müssen. Hart an der Grenze diskutieren.

Überspringer fasst man mit Samthandschuhen an. Sonderregelung hier, entgegenkommen dort. Bloß das rohe Ei nicht zerbrechen. Das führt nicht zuletzt zu einer realitätsfremde bei derartig sonder behandelten Schülern.Warum aber muss man 1 Jahr sonst (außer aus Langeweile) überspringen? Es bringt auf jeden Fall mal viel Lob mit sich. „O Sehet her!“. Lob und Begeisterung für die eigene Person nehmen sicherlich zu. Man ist jetzt was besonderes. Man übertrifft jetzt alle anderen.

Man kann sich unglaublich erwachsen fühlen. Man ist ja was besonderes. Theoretisch ist man auch 1 Jahr länger am arbeiten als die Anderen. Allerdings könnte man satte 2 Jahre länger arbeiten, als die anderen, wenn man die Realschule oder die Hauptschule besuchen würde.

Effektiv verkürzt man sich seine Jugend um 1 Jahr. Man nimmt sich also im Grunde nur 1 Jahr Erfahrung, 1 Jahr Spaß mit Freunden, ein Jahr unbeschwerte Kindheit. Später fragt sich einmal ein Jeder, was er hätte anders machen können. Vielleicht wird der ein oder andere dann das 1 Jahr mit den Eltern, das eine Jahr Unbeschwertheit vermissen. Erwachsen bist du noch lange genug, Kind bist du nur während deiner Schulzeit!

Es ist aber überdies ärgerlich, dass man alle Klassenkameraden in den persönlichen Ego-Trip mit hineinzieht. Stetig kreuzen die Überspringer auf. Nehmen teilweise noch am Unterricht ihrer alten Klasse teil. Sie stiften Verunsicherung und lenken die Lehrer vom effektiven Unterricht ab. Sie hinterlassen ein Loch in der alten Klassengemeinschaft und bohren ein neues in die Kurse, die sie wählen. Sie halsen sich Nachholarbeit auf. Sie gehen das Risiko ein, es nicht zu schaffen. Oder es nur mit mäßigem Erfolg zu schaffen. Das Überspringen ist ein Russisch Roulette mit der eigenen Zukunft. Man hat zumeist nur eine Chance, warum diese dann verspielen oder zumindest riskieren?

Es kann gut gehen, aber auch nicht. Und tatsächlich kann sich das Blatt radikal wenden. Anstatt 1 Jahr zu gewinnen, verspielt man vielleicht eines. Man sorgt für weitere Unruhe in der alten Klassengemeinschaft, sofern die Rückversetzung erfolgt. Man muss vielleicht 1 Jahr wiederholen.

Und das alles für 1 Jahr. Ein Jahr, dass einem so viel bringen könnte, würde man es voll ausschöpfen, anstatt es wegzuwerfen für etwas mehr Forderung. Unterfordert ist ein Unwort. Unterforderung erscheint so individuell wie pures Desinteresse. Überinteresse, Talent – Unterforderung: Sie lässt sich anders kompensieren, als dadurch, dass man Kollegium und Klassengemeinschaft eine erhebliche Mehrarbeit bereitet.

Ich habe gezeigt, dass Unterforderung als Argument nicht haltbar ist. Ich habe die Relativität der Hochbegabung gezeigt. Es wurden etliche negative Aspekte erörtert. Und bisher habe ich nicht einen triftigen Grund von Überspringern gehört, der ihr Entscheidung rechtfertigt.

Es gibt noch so viel mehr zu sagen, doch meine Zeit ist endlich. Ich habe so vieles anschaulich gemacht und zahlreiche Thesen aufgestellt. Natürlich ist dieser Text allgemein. Es gibt so viele Abweichungen von dem, was ich geschildert habe. Ich habe auch nicht die Weisheit gepachtet – Menschen machen Fehler. Es gibt einiges, was nur teilweise zutrifft. Ich erwähnte ja bereits mehrfach die Individualität. Die Individualität eines auch dementsprechend benannten Individuums ist nicht allgemein zu erfassen. Wir haben mit diesem Text gemeinsam an der Schale gekratzt. Aber was dabei bereits zu Tage kam, ist enorm.

Ich könnte allen Überspringer jetzt Glück wünschen. Ich glaube nicht an etwas wie Glück. Wie gesagt; das Leben besteht einfach aus einer gigantischen Anzahl von Entscheidungen. Wir alle müssen für uns wissen, was die richtige Entscheidung ist.

Jeder ist damit seines Glückes Schmied. Und ich kann nur hoffen, dass alle die richtige Entscheidung treffen. Aber ich habe noch ein Angebot für sie:

Anstatt den Schulalltag an ihrer Schule zu stören und die Klassenkameraden beim Lernen zu behindern; schicken sie ihr Kind doch auf eine Eliteschule. Hier bietet sich das Internat Schloss Salem in Bayern an - die Angebote werden sie überzeugen. Es gibt eine Vielzahl an AGs, fast keine Unterrichtsausfälle, gemeinsame Aktionen, ausländische Mitschüler und aktive Persönlichkeitsförderung. Hierfür werdne auch jährlich im März Stipendien vergeben, sodass die Kosten minimal gehalten werden können.

Ich habe dir meine Meinung nicht vorenthalten. Ich habe mir die Mühe gemacht. Nun bist du dran. Verteidige die Gegenposition, oder gehe mit mir d'accord. Ich bin offen für Antworten. Denn auf die Diskussion kommt es an. Einfach alle meine Aussagen zu verurteilen und mich für einen Spinner zu erklären ist allerdings wenig angebracht. Argumentierst du jedoch, es wäre seit Jahrzehnten bewährt, dass Klassen übersprungen würden, so sage ich nur: Fresst Scheiße Leute, Millionen fliegen können nicht irren! Mache nicht diesen Fehler. Mach es besser! In diesem Sinne ...

...ist deine Schulzeit fast vorbei. Doch heute gibt's Hausaufgaben. Denke über das nach, was ich hier dargelegt habe ... und triff die Entscheidung für ihre Kinder, triff für dich, die beste Entscheidung!

Veröffentlicht am 23.10.2008 von Raphael.

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