Teil 3 der Serie über den Sinn und Unsinn des Überspringens einer Schulklasse.
Anlass für diese argumentative Schrift ist das aktuell anlaufende Schuljahr und die daraus resultierenden Überspring-Vorgänge. Ich lehne diese kategorisch ab; und werde nun folgend meine Ansichten und hinreichend abgedroschene Phrasen zu einem wertenden Text zusammenfassen.
Allgemein geht man davon aus, dass zum Überspringen einer Klasse vor allem folgende Eigenschaften erforderlich sind. Sie sind nach Vorstellung zahlreicher dekadenter Eltern, wie nach Vorstellung versnobter Kinder oder tatsächlich hochbegabter und eher schüchterner Kinder für das Überspringen qualifizierend:
Nach oben genannten Personen sind dies die Säulen, auf denen das Überspringen steht. Tatsächlich aber sind, die in drei Stichpunkten zusammengefassten Voraussetzung längst nicht mehr ausreichend. Für diejenigen, die nur die Notensprache verstehen: Alle Schüler mit diesen Eigenschaften bekommen von mir eine 4
.
Das 21. Jahrhundert hat die Werte und Tugendvorstellung des 20. Jahrhunderts gänzlich erschüttert - gar antiquiert. Wir leben in heute in einer Gesellschaft, die ganz andere Maßstäbe erfordert. Es hat mich immer gestört, dass noch immer fast ausschließlich die konservativen und traditionellen Familien ihren Kindern Zugang zu höherer Bildung ermöglichen. Dass auch immer noch fast nur Konservative und Traditionelle, die Technokraten und oberen 10.000, ihre Kinder ins exorbitante, fast ins unmenschliche pushen und, metaphorisch gesehen, ihren Kindern für ihre Intelligenz und ihre Leistungen damit auch noch zusätzlich "in den Arsch treten". Auch wenn die Meinung ihrer Kindern bemerkenswerterweise immer mit der eigenen Meinung korreliert; und die Kinder ihr Überspringen dann gerne ebenfalls mit obig erörterten Tugenden und den abgedroschenen Argumenten der Eltern rechtfertigen wollen.
Und die Konservativen geben mir erst Grund, die obigen Tugenden zu erschüttern. In der heutigen Informationsgesellschaft kommt es auf Technikverständnis, Mobilität, Liberalität und Felxibilität an. Gerade die erzkonservativen Eltern verschließen ihren Kindern jeglichen Zugang zu den essenziellen Grundlagen der Gesellschaft und Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert.
Kinder, die zwar Notendurchschnitte von 1,0 bis 2,0 aufweisen, die fleißig sind und hochintelligent; die aber aufgrund des Elternhauses weder Zugang zu Computern, noch zum Fernsehen, zu Technologie wie etwa Mobiltelefonen, Navigationssystemen, Spielekonsolen o.ä; die sind für mich auf dem Gymnasium, und insbesondere beim "Sonderzug Überspringen" deplatziert. Mit anderen Worten: Kinder, die aufgrund des Elternhauses oder aufgrund eigenen Desinteresses keine Kenntnis von Computern, dem Internet und sonstiger Technologie haben, sollten selbst bei Hochbegabung und jährlichen Spenden für den Förderverein nicht Überspringen dürfen, geschweige denn aufs Gymnasium gehen dürfen.
Denn Kenntnisse von Windows, MS Office, Software und Internetanwendungen und der Bedienung und Ausnutzung des Potenzials des Internets im allgemeinen zählen heute nicht mehr zu den Zusatzqualifikationen, die bilden eine Grundvoraussetzung nach der „kein Schwein“ mehr fragen wird. In GL [Anmerkung: Schulfach der gymnasialen Sekundarstufe 1] etwa müssen eigenständig Informationen recherchiert werden, in Office oder mit Programmen wie „Mediator 8“ aufbereitet und dann auch präsentiert werden. Bei der Präsentation und Gruppenarbeit ist Kommunikation per eMail unerlässlich; ebenso wie ein mehr als nur ein Bibliothekenausweis. Auch in Politik, Erdkunde oder Englisch wird das Internet als Informationsquelle der Schüler heuer als selbstverständlich vorausgesetzt; und die Schüler mit der Informationssuche dort beauftragt.
Es ist nicht akzeptabel, dass Schüler teils ohne Kenntnis von Internet, Computern und Fernsehen, eine Klasse überspringen.
Das Überspringen von Klasse 10 zur Klasse 11 findet nach dem 1. Halbjahr statt, zumindest auf der Schule, die ich besuche. Das ist mehr als nur unglücklich. Bereits vorher stören sie den Unterricht ihrer künftigen Klasse durch das "Hospitieren" (Besuchen des höherstufigen Unterrichts, vergleichbar mit einem Praktikum). Dann, mitten im Schuljahr verlassen die Willigen ihre alte Gemeinschaft; reißen dort also quasi eine Lücke auf, erschüttern das Klassengefüge. Zusätzlich bringen sie eine Form von Unruhe in die Kurse die sie wählen. Es ist dieselbe, wenn nicht eine stärkere Symptomatik wie in der Grundschule. Neid, Zorn und Unverständnis wirken sich negativ auf die Produktivität der betreffenden Schüler aus. Diese Aussage ist natürlich sehr pauschal, da es durchaus auch Akzeptanz und Bewunderung geben wird.
Schwer haben es die Überspringer aber auf jeden Fall in freundschaftlicher Hinsicht. Sie sind auf ihre anderweitigen Freunde und ex-Klassenkameraden angewiesen; da sie höchstwahrscheinlich keine neuen Freunde finden werden. Das wirkt sich logischerweise auf die Effizienz von Gruppenarbeiten aus. Arbeiten und Fremden ist wenig förderlich. Natürlich könnte man gut mit dem Freundeskreis der vergangenen Stufe auskommen. Die ehemaligen Klassenkameraden fühlen sich zurecht verschaukelt, wenn die Überspringer dann trotzdem noch auf sie zurückkommen und in den Freistunden gerne mal kurz vorbei schauen. Das bringt weitere Unruhe. Gewiss nicht für sich selbst. Man ist ja „eins mit sich“. Man denkt auch nicht darüber nach, wie es den anderen ergeht – warum sollte man? Die Unruhe, die entsteht, ist gewaltig – ob sie es glauben, oder nicht.
Unterforderung ist das universelle; das omnipräsente Argument der Überspringer und deren Eltern. Doch wenn ich sehe, dass angeblich unterforderte, auch einmal 3en schreiben; dass sie sich in Sport oder ihnen nicht genehmen Fächern offensichtlich nicht bemühen, dann darf ich durchaus an der Unterforderung zweifeln.
Wenn dann aus angeblicher Unterforderung auch noch Hausaufgaben nicht gemacht werden, oder krankgefeiert wird, dann ist das inakzeptabel. Ein Schüler hat immer seine Leistung abzuliefern, egal ob ihm die Standards seines Schuljahrgangs genehm sind, oder nicht. Dazu kommt dann die allgemeine Anfälligkeit der Unterforderten für Rückschläge. Merkwürdigerweise schreiben sie ja nicht permanent 1en und 2en.
Unterforderung stellt in meinen Augen eher eine Art Leistungsüberbereitschaft oder „Schaffensdrang“ dar. Dieses Potenzial (es ist nämlich keine unlenksame Eigenschaft), denn nicht mehr und nicht weniger stellt es für mich dar, kann ein Kandidat für das Überspringen anderweitig einsetzen, kann sich „auspowern“. Etwa in Arbeitsgemeinschaften, Schulprojekten, Förderangeboten; in seiner Freizeit bzw. bei seinen Hobbys. Es besteht kein Anlass, ein Potenzial als Eigenschaft anzusehen und diese dann durch Überförderung in einer höheren Jahrgangsstufe zu kompensieren.
Erst wenn die absolute Ausschöpfung selbst durch AG`s, Projekte o.ä nicht erreicht wird, kann über ein Überspringen diskutiert werden. Im übrigen gründet sich die Unterforderung auf einer sehr subjektiven Einschätzung des Schülers selbst, die grundsätzlich von den „soft teachern“ untermauert wird, die den Eltern gerne alles und das jederzeit bescheinigen. Tatsächlich kann sich eine Unterforderung als Aufmerksamkeitsdefizit offenbaren, bzw. als pures Desinteresse. So mag manch einer gerne seine mangelnde Begeisterung für einzelne Themen rechtfertigen. Oder die Noten, die dann gern als nächstes angeführt werden. Den schlaueren Schülern werden ihre Noten gerne zementiert.
Einmal eine 1, immer eine 1. Die einstige Einstufung wird von den Lehrern gar nicht erst hinterfragt. „Der/die ist ja sowieso so schlau“. „Der/die wird’s eh schon wissen“. Deswegen nehmen diejenigen gerne auch eine Jokerfunktion bei der geneigten Lehrerschaft ein. Weiß es die Klasse nicht, wird immer und überall der Joker (der Einserkandidatt) befragt – die Anrufung der Gottheit quasi - dadurch entsteht bei ihm der Eindruck, er sei der "deus ex machina", der durch seine Güte den Unterricht unfassbar weit voranbringe. Dem ist nicht so. Ein weiterer Grund warum die Arbeitsleistung einer Klasse nach dem Überspringen der Joker schließlich gen 0 sinken wird; ein weiterer Grund, warum dies also nicht sinnvoll ist.
Diese Überspringer haben damit den übrigen Schülern ihr eigenes Potenzial genommen, die Dynamik in Eintönigkeit gewandelt. Andere bekommen gar nicht die Chance, sich zu beteiligen, selbst nachzudenken, Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln und versinken deshalb in Halbschlaf, während der "deus ex machina" dann eine Frage nach der anderen beantworten darf. Was wiederum für die Zementierung ihrer automatisch notierten Eins bis Zwei sorgt.
Weil die Joker sich dann natürlich durch die Monotonie des auf sie fokussierten Unterrichts gelangweilt fühlen, wird aus der Mücke ein Elefant gemacht. Schlauheit fungiert in Augen von übereifrigen Schülern, Lehrern und Eltern dann als Unterforderung und Hochbegabung, die unbedingter Förderung bedarf. Dass das Problem hausgemacht ist, sieht man nicht.
Sie werden nun argumentieren, dass man gerade wegen dieser Jokerfunktion dem Kind ein Überspringen ermöglichen sollte. Das ist allerdings ich-bezogene Politik. Würde die Lehrerschaft den Unterricht vom „Joker“ ablenken und eine allgemeine Diskussion fördern, andere Schüler mehr dran nehmen und den etwas Klügeren einfach gesondert Aufgaben stellen, so würde die Monotonie aufgebrochen. Eine liberale und breit gefächerte Diskussion, ein tatsächliches Unterrichtsgespräch anstelle eines berieseln lassen würde entstehen. In einem derartigen Klima keimen weder Langeweile noch Unterforderung auf.
Außerdem: Derartige Jokerkinder lernen nie, dass sich die Welt nicht um sie, sondern um die Sonne dreht. Das Genie der Familie, das Aushängeschild der Klasse, der Genius in der Musikschule und überall sonst. Im späteren Leben wird auch niemand den Weg derartig bereiten wie es förderwütige in der Schule tun. Es ist nahezu anklagbar, wie man diejenigen die es nicht nötig haben um jedne Preis fördert- die aber, die gefördert werden müssten durch die Förderung der "Stars der Schule" vernachlässigt und schier verdummen lässt!
Ergo:Die Ansichten die dargelegt werden können immer kontroverser Diskutiert werden, immer mehr Faktoren spielen eine Rolle, jetzt wo sie in Klasse 10 sind. Wir haben gesehen: Die Grenzen zwischen den subjektiven Eindrücken verschwimmen. Und mittendrin sind wir alle, die als Steuerzahler und damit Geldgeber des Bildungssystems, Schüler, Eltern - Lehrer. Da sollte es unser aller Interesse sein, einmal kritischer nachzufragen als: "Fühlst du dich unterfordert?". In diesem Sinne. Im nächsten Teil werde ich für sie als Oberstufenschüler Alternativen aufzeigen. Bis dahin ist die Schule aus - keine Hausaufgaben. Stühle hochstellen...
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Schlagworte: Bildungssystem • Gesellschaft • Schule • Schulssystem