Teil 2 der Serie über den Sinn und Unsinn des Überspringens einer Schulklasse.
Auch in der Grundschule besteht die Möglichkeit, Jahrgänge zu überspringen. In diesem Fall fallen noch gravierendere Probleme an, als bei einer frühen Einschulung. Der Stoff von einem Jahr Grundschule erscheint lächerlich nutzlos, ist vielleicht auch leicht nachzuarbeiten. Aber hinter dem Stoff stehen Verfahren, die gelernt werden sollen, stehen Fähigkeiten die trainiert und fokussiert werden müssen.
Man stelle sich vor, Henry Maske hätte vor seinem grandiosen Comeback gegen Virgil Hill ein ganzes Jahr weniger trainiert. Man stelle sich vor, Ärzte würden ihre Operationen nicht vorbereiten. In einem Fall hätte jemand wohl ziemlich viel Prügel bezogen. Im anderen Fall würden Ärzte nach dem Tupfer suchend im OP Saal herumwandern, während der Patient mit geöffneter Bauchdecke da liegt und gemächlich stirbt. Ich vermute, wir wollten uns beides lieber nicht wünschen.
Die angesprochenen Verfahren und Fähigkeiten sind beim Menschen wie bei Tieren alters- und erfahrungsbezogen. Dazu gehören etwa die kritische Betrachtung Fehler aufweisender Texte, die Fähigkeit sich Gedichte oder Geschichten zu merken und sinngemäß nachzuerzählen, Logische Tat-Folge-Zusammenhänge erkennen; sowie Verfahren wie das Benutzen von Lexika, Anwendungen am Computer bedienen zu können, problemlöserische Kompetenzen, u.v.m.
Was passiert aber, wenn angeblich Unterforderte ein Jahr, vielleicht zwei Jahre an Vorbereitung und Training verpassen? Sicherlich können die meisten im nächsten Jahrgang erfolgreich mitarbeiten. Aber ihnen fehlt das Training. Training ist etwas Talent unabhängiges und ist im Sport, wie beim Denksport unerlässlich. Das beinhaltet im Fall der Grundschule Dinge, die in der Gesellschaftslehre als „soft skills“ definiert werden. Kooperationsfähigkeit, Kommunikationsstärke, Konfliktverhalten, Ordnung & Sauberkeit und die restlichen „deutschen Tugenden“ etwa. Das Fundament auf dem unsere Volkswirtschaft steht und offensichtlich auch gut gedeiht. Deutschland ist Exportweltmeister und drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.
Ergo: Ein primarstuflicher Überspringer mag mit großem (oder auch geringen Erfolg) im Stoff einer oder zweier höherer Klassen mitarbeiten können. Aber er kann sich nicht gegen Mitschüler durchsetzen, er kann nur schwer mit ihnen kooperieren und entwickelt sich im ungünstigsten Fall zu einem Außenseiter oder Problemkind - ihm fehlen eventuell aber auch einfach Kompetenzen die in der Schule nicht abgefragt werden, er aber später abrufen muss. Gerade wenn man bedenkt, dass ein Überspringer die gefestigten Strukturen einer eingeschworenen Klassengemeinschaft aufbricht, sich integrieren muss. Integration gründet sich auf Akzeptanz. Akzeptanz stellt schon in Klasse Eins ein Problem dar.
Misstrauen, Neid und Vorurteile („Alter Streber!“) hindern die Überspringer eventuell an der Eingliederung in ein Sozialgeflecht von ein bis zwei Jahre älteren Schülern. Hier kommen weitere Barrieren hinzu. Es fehlt ebenfalls wieder an außerschulischen Erfahrungswerten (der typischen Lebenserfahrung, die alte Menschen als schlau erscheinen lässt. Schlauheit in diesem Falle verwechselt mit reiner Weisheit...)
Auch sonst wird der/diejenige nicht dieselbe körperliche Entwicklung vorweisen. Das hindert im Sportunterricht (der zu häufig an Schulen als eine Art „Könnensbeweis“ fungiert). Das führt dazu, dass Freundschaften nicht entstehen können. Gleichaltrige bleiben gerne unter sich – wie sollte es anders sein. Keine Einladungen zu Geburtstagen, zum Beispiel, sind eine Folge.
Die alterstypischen Verhaltensweisen und Interessen überschneiden sich nicht. Das Alter ist außerdem in der Grundschule wie auch später eine Art „Symbol“. („Ich bin schon 10“, „Ich bin 3 Monate älter als du“,..) Diese Tatsachen gründe ich auf allgemeingültige Prinzipien und den gesunden Menschenverstand. Intelligenz ist eines für eine gute Schullaufbahn; Erfahrung und Alter ein anderes – und im Fall des Überspringens von Klassen sind Erfahrung und Alter weitaus nützlicher.
Hoch begabte Kinder unterscheiden sich von anderen Kindern nur durch das Ausmaß ihrer Intelligenz. Sie sind schüchtern oder vorlaut, frech oder brav, mutig oder ängstlich, sportlich oder musikalisch wie alle anderen Kinder auch. Mit anderen Worten: sie sind eigentlich ganz normal. Und trotzdem verblüffen manche Kinder ihre Umgebung z.B. durch ein besonders gutes Gedächtnis. Manche Kinder beschäftigen sich in sehr frühem Alter – das kann durchaus zwischen dem 1. und 2. Lebensjahr beginnen – mit Zahlen und Buchstaben und einige von ihnen lernen auch sehr schnell lesen und rechnen. Es gibt Kinder, die interessieren sich buchstäblich für alles und fragen ihre Eltern Löcher in den Bauch. Manchmal fragen sehr junge Kinder nach komplexen Zusammenhängen oder existentiellen Dingen, wie dem Tod oder dem Sinn des Lebens. Dies alles können Anzeichen für eine mögliche Hochbegabung sein, wobei die Betonung auf „können“ und nicht auf „müssen“ liegt.
Ich finde, dass eine angebliche Hochbegabung nicht die Verschwendung eines ganzen Jahres der ohnehin nur kurzen Jugend rechtfertigt. Warum müssen gerade die Begabten möglichst von Lehrern und Eltern in den Zusammenbruch gefördert und gepusht werden? Warum lässt man diesen Hoffnungsträgern nicht Raum zur Entfaltung, anstatt sie in übermotivierte Maßnahmen zur Förderung zu zwängen, sie in ihrer Freizeit einzuengen und zu beschneiden? In Freiheit - und nur in Freiheit, gedeiht die Hochbegabung, die Kunst, der Fortschritt. Das ist vergleichbar mit freier Marktwirtschaft und Kommunismus. In der DDR gab es 40 Jahre lang dieselben Autos – es gab ja nur einen wirklichen Hersteller. Kein Fortschritt, dank engen Schemata und Unfreiheit der Wirtschaft. Durch die Konkurrenz in der freien Marktwirtschaft; und eben durch die Freiheiten in Forschung, Lohnentwicklung usw. entsteht Fortschritt, Vielgeistigkeit und Wohlstand.
Nach meiner Theorie erzeugt das Überspringen damit genau den gegenteiligen Effekt. Durch Beschneidung der von den Kindern gewohnten Freiheit, durch Einengung, Leistungsdruck und mehr Arbeit durch das Nachholen von Lernstoff; und nicht zuletzt durch die Instrumentalisierung der Kinder durch die Eltern als Objekt zum Prahlen und zur Schau stellen (“Oh schaut her, meine Tochter überspringt jetzt!“) wird der Wissenshunger der Kinder ausgelöscht, tritt an die Stelle der Begeisterung die Desmotivation und wird das Talent in den Ruin gefördert.
Das Interesse der Kinder, ihre Begabungen und Besonderheiten beruhten nämlich einzig auf der Freiheit und Freizeit, auf dem eigenen Interesse. Wird Interesse zur Pflicht, Begabungen zum Instrument, so macht Lernen keinen Spaß mehr – dabei lernten die Kinder nur aus Spaß so viel, wurden zu dem, der sie waren.
Zu einem ähnlichen Schluss in einer ganz ähnlichen Situation kommt man auch im Film „Der Club der toten Dichter“ mit Robin Williams:
Der Zentral- und Lehrsatz dieses Films ist Carpe diem (lat., Nutze den Tag). Der Mensch sollte aus seinem Leben etwas Besonderes machen; jedes einzelne Leben sollte ein außergewöhnliches sein oder werden. Keating will seine Schüler zu Freidenkern erziehen. Sie sollen Dinge von anderen Standpunkten aus betrachten.
Damit in Zusammenhang steht die Poesie, die Keating seinen Schülern versucht, nahe zu bringen. Poesie könne man nicht mit starren wissenschaftlichen Methoden erfassen, man müsse sie leben, erleben. Man solle die Poesie zu einem Instrument für sich selbst machen; zu einem Instrument, mit dem man Gefühle ausdrücken und vermitteln kann.
Hier führt dies zur entscheidenden Konfrontation: auf der einen Seite die erzkonservativen Eltern und das Internat, auf der anderen Seite die Ideen des Freigeistes, der Individualität.
Keating versucht, für seine Schüler auf diesem Weg – auf dem Weg zu mehr geistiger Freiheit und der Schönheit und Kraft der Poesie – ein Führer zu sein, ein Lenker, also ein Kapitän:
„‚O Captain, mein Captain‘ Wer weiß, von wem das ist?. .. Wer weiß es?. .. Keine Ahnung?. .. Es ist aus einem Gedicht von Walt Whitman über Mr. Abraham Lincoln. Also, Sie sprechen mich entweder mit Mr. Keating an – oder, wenn Sie etwas mutiger sind, sagen Sie: ‚O Käpt'n, mein Käpt'n!‘“ (Keating zu seinen Schülern)
Während also konservative Eltern und Direktoren versuchen, schematisch vorzugehen, und damit im Grunde das Feuer der Wissbegierde zum Erlischen bringen, eröffnet Keating freiheitliches Denken und fördert damit tatsächlich; anstelle durch harte Lehrmethoden...
Weiteres lässt sich die Feststellung einer angeblichen Hochbegabung kritisieren und gänzlich erschüttern:
Eine Hochbegabung ist selten: nur zwei bis drei von 100 Kindern sind hoch begabt. Das heißt bei einem Intelligenztest haben rund zwei Prozent aller Kinder einen IQ über 130 und gelten damit als hochbegabt.
So definiert es zumindest der „Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg e.V.“ Der Mensch maßt sich also platt gesagt an, über dumm und klug mithilfe des IQ zu urteilen. Damit, nämlich mit den „IQ Tests“, soll Intelligenz also messbar sein.
Ein Thermometer kann aufgrund einer klaren Skala und wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen tatsächlich eine gewisse Wärme bzw. Kälte für uns als Temperatur in Celsius deutlich machen. Intelligenz ist aber deutlich weniger greifbar, fühlbar, als Temperatur.
Nein. Intelligenz ist eine Vage Vorstellung von geistigen Fähigkeiten und Wissen. Wissen ist relativ. Auf dem Bereich der Rechtswissenschaft ist ein Richter mit 20 Jahren Erfahrung durchaus Intelligent, jedenfalls nach unserer Vorstellung. Das macht ihn aber nicht allgemein Intelligent. Der Richter hat wahrscheinlich keine Ahnung von Biochemie, Astrologie oder der Bedienung eines Flugzeuges. Weil er also nicht weiß, wie man einen Airbus A380 fliegt, ist er dumm. Zumindest sagt das metaphorisch gesehen ein IQ Test aus. Nämlich dass jemand aufgrund von willkürlichen Fragen quer durch alle Reihen schlau oder dumm ist.
Die Messbarkeit von Intelligenz ist ein Hirngespinst - eine fiktive Vorstellung. Natürlich ist Intelligenz tendenziell gut einschätzbar, eben auch durch IQ Tests. Aber deswegen rechtfertigt die Zahl 130 nicht, dass einzelne über andere gestellt werden, dass sie ihre Jugend um ein Jahr verkürzen.
...denn nur eine genaue Diagnostik durch einen Test gibt ein genaues Ergebnis. Checklisten, anhand derer Lehrer oder Eltern erkennen sollen, ob das Kind hochbegabt ist, bieten wirklich nur erste Hinweise. Oft bleiben echte „Underachiever“, das sind Kinder, die trotz ihrer hohen Intelligenz nicht die erwartete Schulleistung erbringen, unentdeckt. Also wenn Zweifel bestehen, kommt man um einem Test nicht herum, der gerade aber den hochbegabten Kindern meistens viel Spaß macht. Wir hören hinterher oft die Reaktion der Kinder: „Da möchte ich jetzt immer hin. Hier war´s richtig interessant!“
...das sagt der „Landesverband Hochbegabung e.V.“ zur Genauigkeit von Tests. Der Test gibt keineswegs ein genaues Ergebnis. Wie sollte das möglich sein, wenn mam bedenkt, dass die Fragen eindeutig nur dann von Kindern beantwortbar sind, wenn sie derartiges schon einmal gehört haben – also wenn sie überhaupt die Möglichkeit hatten, Zugang zu derartigen Informationen zu bekommen.
Kinder der Unterschicht sind also dumm, weil ihre Eltern sich keine Tageszeitung leisten können und keinen Internetzugang haben? Sie sind also in der staatlichen Schule den „intelligenteren“ Überspringern untergeordnet, weil ihr Vater Bauer oder LKW-Fahrer ist? Das kann und darf; und es wird nicht die soziale Gerechtigkeit sein! Viele erhalten nicht die Möglichkeiten, nicht die Gelegenheit, sich Wissen anzueignen, können nicht für etwas Eifer aufbringen, dass sie vielleicht gar nicht kennen. Das macht sie nicht dumm, sondern nur benachteiligt.
Wie kann es dann sein, dass man denjenigen die schon Zugang zu den vielfältigsten Bildungsangeboten haben, ihre ZUkunft verbaut und sie gleichzeitig den Benachteiligten überornet - vielleicht sogar deren Unterrichtung durch einen Überspringer stört - richten sie ihre Augen mehr auf Förderung Benachteiligter anstatt auf Förderung Bevorteiligter!
Der IQ-Test würde eben den Benachteiligten eindeutig Dummheit attestieren. Sie wissen ja nicht was 5² ist. Sie kennen ja Konrad Röntgen nicht. Was hat Konrad Röntgen mit Intelligenz zu tun? Der IQ Test definiert Intelligenz als Wissen. Damit wäre jeder 1 Million Euro Gewinner bei „Wer wird Millionär?“ automatisch hochbegabt. Ein Test, der Intelligenz durch Allgemeinwissen messbar machen will, hat keine Aussagekraft und Existenzgrundlage!
Damit scheidet Hochbegabung als Rechtfertigung und Grund für ein Überspringen aus. Die Hochbegabung ist nicht eindeutig feststellbar. Wer mit Hochbegabung argumentiert, der benachteiligt sozial schwächere, stellt sich selbst höher als er ist und Vertraut auf Tests, die die Genauigkeit von Horoskopen haben. Zudem:
Im August 2002 hat der Landesverband Hochbegabung Baden-Württemberg e.V. (LVH) unter seinen Mitgliedern mit bereits schulpflichtigen Kindern u.a. auch zum Schulverlauf hoch begabter Kinder eine Umfrage durchgeführt. In dieser Umfrage wurden in 217 Familien 164 Überspringervorgänge erfasst. [...] auf die 17 Überspringer im Gymnasium entfielen zwei Rückversetzungen (12%).
12% Rückversetzungsquote bei einer nicht repräsentativen Umfrage in einem Lobbyverband, Notenverschlechterungen nicht eingeschlossen. Ebenso wenig wie psychischer Stress; der nicht statistisch erfasst wurde...
...die Maßstabe werden größer, die Bandbreite des grundlegenden Problems weitet sich auf viele Lebensbereiche aus und mitten im Sturm stehen sie jetzt als Viertklässler. Im nächsten Teil kommen sie auf das Gymnasium...und für heute ist die Schule aus...Beginn des Unterrichts an ihrem neuen Gymnasium: Morgen!Schlagworte: Bildungssystem • Gesellschaft • Schule • Schulssystem