Sinn und Unsinn des Überspringens einer Klasse: Teil 1

Wenn bald in vielen Klassenzimmern wieder Talente entdeckt werden, die man eiligst in einen höheren Jahrgang befördern möchte, dann werden Eltern und Lehrer wieder aneinandergeraten. Immerhin geht es doch um weitreichende Entscheidungen im Interesse der Kinder. Doch steht das Überspringen einer Klasse wirklich immer im Interesse des Kindes, oder spielen Prestige und Zurschaustellung eine größere Rolle?


Im Kern dieser Reihe, die aus 4 Teilen besteht, geht es um die Auseinandersetzung mit Argumenten von Überspringern, deren Eltern und den Konsequenzen dieser weitreichenden Entscheidung. Beginnend mit der Einschulung möchte ich detailliert meine Ansichten darlegen, Wertungen finde, meine Adressaten kritisieren und Hintergründe offenbaren.

In Deutschland erfolgt die Einschulung normalerweise im Alter von 6 Jahren. Allerdings kann es auch zu leichten Abweichungen kommen, da das Einschulungsjahr von einem Stichtag abhängt, der zwischen „dieses Jahr Einschulung“ und „nächstes Jahr Einschulung“ differiert. Kinder, die sich bereits im Kindergarten „unterfordert“ fühlen, können auf Antrag von Eltern laut Ländergesetzen bereits mit 5 Jahren eingeschult werden.

Doch bereits hier werden erste Probleme deutlich. Im Alter von 5 Jahren ist der Unterschied zwischen Faulheit und Unterforderung kaum auszumachen, ebenso wenig wie die tatsächliche Belastungsgrenze eines Individuums. Langweilt sich ein Kind vielleicht bei Bildergeschichten und Sandburgenbau, kann es ebenso gut mit Mathematik und Rechtschreibung um ein vielfaches überfordert werden. Schule ist ein allgemeines Feld, dass basierend auf Standards und exakt definierten Curriculi Wissen und Kompetenzen (etwa Logik, Konzentrationsvermögen und Fleiß) vermitteln will. Die im Kindergarten bemühten Kompetenzen und Eigenschaften eines Kindes sind weitaus individueller. Unterforderung ist dort sektorisiert, bzw. bezogen auf Interessen. Zuhören mag das eine Kind unterfordern, vielleicht ebenso wie das „Buddeln im Sand“, jedoch muss dass nicht von früher Reife oder Intelligenz zeugen – denn im Kindergarten werden Angebote gemacht, die je nach dem kindlichen Interessenfokus vom einen Kind wahrgenommen werden, vom anderen aber abgelehnt werden.

Das heißt, dass ein Kind auf einem Gebiet vielleicht weiter „entwickelt“ ist, als andere, es jedoch auf anderen Gebieten weniger „begabt“ ist und hier vielleicht sogar Verständnislücken oder pures Desinteresse (Anstelle von Unterforderung) an den Tag legt.

„Engagierte Eltern“ möchten Desinteresse, „Langeweile im Kindergarten“ oder tatsächlich punktuell vorhandene Unterforderungen gerne als Intelligenz, frühe Reife und Omni-Talententiertheit fehldeuten — ein kapitaler Fehler. Denn wenn das Kind dann mit 5 Jahren seine schulische Laufbahn beginnt, so beginnt auch das starre Konstrukt aus Curriculi & Standards. Das setzt voraus, dass ein Kind in allen Bereichen aufnahmebereit und wissbegierig ist und grundlegende Fähigkeiten, wie etwa ein Mindestmaß an Konzentrationsfähigkeit und Fleiß mitbringt.

Erst einmal in der Schule, genießen Kinder weniger Freizeit, haben mehr Pflichten und stehen unter einem ganz anderen Druck, als in der „Lounge-Atmosphäre“ des Kindergartens. Das hat zur Folge, dass Kinder, die mit 5 Jahren eingeschult werden, vom Regen in die Traufe kommen. An die Stelle leichter Unterforderung und „früher Reife“ treten zu oft Überforderung und Zerstreuung - was an dem großen Grad zwischen Kindergarten und Schule liegt.

1 Jahr Lebenszeit sind 365 Tage Lernen, Entdecken und Wachsen

Denn Kinder im Grundschulalter lernen täglich dazu. Sie erlernen motorische Fähigkeiten (das Zeichnen am Lineal, Balancieren, Schaukeln, Seilchensprung... sind klassische Beispiele) und machen ihre individuellen Erfahrungen (etwa Bekanntschaften mit Insekten, von der Gesellschaft geforderte Verhaltensweisen gegenüber Autoritätspersonen, Freundschaften & Feindschaften,...). Die Grundschule setzt vieles, wenn nicht nahezu alles von dem voraus. Das bedeutet, dass früher eingeschulten Kindern gänzlich oder teilweise die Grundvoraussetzungen fehlen. Oder sie einfach um viele wichtige Erfahrungen ärmer sind als die Sechs-jährigen.

Es gibt immer Ausnahmen; tatsächlich 1 Jahr weitere Kinder. Doch bedenken sie, dass es so gut wie immer die 1 Euro Teile sind, die an Formel-1 Wagen zu Bruch gehen, dass es Cent-wertige Bauteile sind, die Missionen ins Weltall haben scheitern oder verzögern lassen. Fehlen den früh eingeschulten Kindern nur wenige dieser Fähigkeiten, wie ich sie oben erörtert habe, so kann sich das allzu schnell auf den Lernerfolg auswirken. Was anfangs gut gemeint war, oder von den Eltern als „chic“ wahrgenommen wurde, endet schnell in einem Trümmerhaufen. Kinder diesen Alters sind zerbrechlich wie Porzellan. Auch kleinere Misserfolge oder Hänseleien wirken sich kapital auf das Wesen und die Motivation aus.

Wird Mobbing in der Grundschule von zu vielen noch als „unbedeutendes Ärgern“ aufgefasst, so kann es doch mehr sein. Jüngere werden in den Klassengemeinschaften oft mir Argwohn und Missbilligung betrachtet. „Schau der/die da hält sich wohl für super schlau“. Hinzu kommt dann der Spott, wenn der ABC-Schütze nicht wie die anderen turnt, Fußball spielt oder malt ...

Veröffentlicht am 14.10.2008 von Raphael.

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