Das Oscar-Missverständnis

Die Verleihung der Oscars, eigentlich heißen sie ja Academy Awards, gehört zu den meistbeachteten Medienereignissen. Jahr für Jahr werden sie vergeben, mittlerweile zum 81. Mal. Spekulationen im Vorfeld gehören ebenso dazu wie die Diskussionen im Nachhinein. An dieser Stelle möchte ich jedoch mit einem Missverständnis aufräumen: Bei den Oscars werden NICHT die besten Filme des Jahres ausgezeichnet.


Oscar-Statue
Oscar-Statue
von Rei-artur, GPL

Die meisten Leute glauben ja, die Oscars würden an die besten Filme des Jahres verliehen. Das ist jedoch falsch. Damit meine ich gar nicht, dass manche Filme nach meinem subjektiven Empfinden besser wären. Die Academy stellt gar nicht den Anspruch, die allerbesten Filme weltweit auszuzeichnen. Eine Einschränkung ergibt sich bereits aus den formalen Anforderungen: Zur Wahl stehen nur englischsprachige Filme, ausgenommen in der wenig beachteten Kategorie für den besten fremdsprachigen Film. Zahlreiche großartige anderssprachige Filme fallen damit schon weg.

Für eine Nominierung muss ein Film in der Vorauswahlphase in der jeweiligen Kategorie unter die fünf meistgenannten Filme kommen. Um oft genannt zu werden, muss ein Film vor allem Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Filmstudios wollen die begehrten Preise natürlich bekommen, wegen des Prestiges und weil es die Ticket/DVD-Verkäufe ankurbelt. Daher versuchen die Studios mit eigens konzipierten Oscar-Werbekampagnen, diese Aufmerksamkeit zu bekommen. Dafür wählen die Studios natürlich jene Filme aus, von denen sie glauben, dass sie gute Chancen auf einen Oscar haben (siehe nächster Absatz). Das Resultat: unter den Nominierungen sind vor allem Filme, die ein großes Filmstudio im Rücken haben, welche sich eine entsprechende Werbekampagne leisten können. Mäßig gute Filme wie Der seltsame Fall des Benjamin Button erhalten dann die drittmeisten Nominierungen der Oscar-Geschichte, gehen im großen Finale aber in den wichtigen Kategorien leer aus.

Was übrig bleibt: Die Oscars stellen meiner Ansicht nach den Preis für den besten englischsprachigen Film im Mainstream-Kino dar. Wobei wirklich großartige Mainstream-Filme wie The Dark Knight oftmals ignoriert werden, weil sie zu unprätentiös sind. Weil es kein Film jener Art ist, welche die Oscar-Jury so sehr liebt. Keine dramatischen Persönlichkeiten (à la Benjamin Button oder Forrest Gump), keine historischen Verbrechen (besonderes Plus: Nationalsozialismus), keine vordergründigen gesellschaftlichen Probleme (wie in L.A. Crash). Schlussendlich werden die Oscars unter einer handvoll Filme aufgeteilt, die bereits aus der Ferne nach „made for Oscar“ riechen.

Um das nicht falsch zu verstehen: Die Oscar-prämierten Filme sind in der Regel wirklich sehenswerte Filme. Am großen Gewinner dieses Jahres, Slumdog Millionaire, ist sicher nichts auszusetzen, er wird durchwegs als würdiger Sieger gesehen. Auch nicht an anderen Gewinnern der letzten Jahre. Aber die Oscars sind einfach nicht die ultimativ besten Filme des Jahres – wer sich beispielsweise die Auszeichnungen bei den Independent Spirit Awards oder beim Europäischen Filmpreis näher ansieht, wird zahlreiche Perlen entdecken, die den Oscar-Gewinnern qualitativ um nichts nachstehen.

Veröffentlicht am 23.02.2009 von Thomas.

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Kommentare

AgentSmith schrieb am 23.02.2009, 16:06 ( #1 )
Wohl wahr, wohl wahr. Wenn ich Aussagen lese wie zum Beispiel "eigentlich interessieren mich die Oscars nur insofern, als dass ich hinterher weiß, welche Filme ich mir gefahrlos anschauen kann", dann wird mir ganz anders. Und zwar nicht nur wegen des stilistischen Niveaus. ;)

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